🟦 Warum die Blaugurtzeit wie eine „Teenagerphase“ im BJJ ist

Die Blaugurtzeit ist im BJJ eine der prägendsten und gleichzeitig widersprüchlichsten Phasen. Und genau deshalb gibt es eine sehr starke Parallele zur menschlichen Teenagerzeit:
Beides sind Übergangsphasen, in denen Identität, Kompetenzgefühl, Selbstbild und sozialer Status gleichzeitig im Wandel sind.
Das erzeugt Unsicherheit, Wachstum, Überforderung und oft auch Trotz.
Und genau das macht den Vergleich so treffend.

🔹 1. Zwischen zwei Welten – nicht mehr Anfänger, aber auch noch nicht „richtig gut“

Teenager sind weder Kinder noch Erwachsene.
Blaugurte sind weder totale Anfänger noch etablierte Fortgeschrittene.

In beiden Fällen entsteht ein Spannungsfeld:

  • Man weiß mehr als früher, aber nicht genug, um sicher zu sein.

  • Man fühlt sich „größer“, aber gleichzeitig verletzlich.

  • Man hängt zwischen Statusgruppen.

Dieses Dazwischensein schafft Reibung – und Reibung erzeugt Wachstum.

🔹 2. Identität wird zum Thema – wer bin ich hier eigentlich?

Teenager fragen sich:
„Wer bin ich und wofür stehe ich?“

Blaugurte fragen sich unbewusst das Gleiche:
„Bin ich ein Guard Player? Ein Passing-Typ? Ein Competitor? Ein Hobbyathlet? Was ist mein Stil?“

Auf Weißgurt-Level existiert diese Frage kaum.
Auf Blaugurt-Level plötzlich ständig.

Es ist eine Zeit, in der sich Identität formt, aber noch nicht stabil ist.

🔹 3. Ego-Schwankungen – zwischen Übermut und Selbstzweifel

Teenager pendeln oft zwischen:

  • „Ich kann alles.“

  • „Ich kann gar nichts.“

Blaugurte pendeln genauso:

  • An einem Tag submitten sie einen Purple Belt → „Ich bin ein Monster.“

  • Am nächsten Tag tappt sie ein motivierter Weißgurt → „Ich bin der schlechteste Blaugurt der Welt.“

Das Hin-und-Her ist normal.
Es ist ein Zeichen, dass man in einer Übergangsphase steckt, nicht in einer stabilen.

🔹 4. Mehr Verantwortung – aber noch wenig Orientierung

Teenager müssen plötzlich mehr Verantwortung tragen, sind aber nicht immer bereit dafür.

Blaugurte auch:

  • Sie werden als „Beispiel“ gesehen, obwohl sie selbst noch suchen.

  • Sie spüren Erwartungsdruck von unten (Weißgurte schauen hoch) und von oben (höhere Gurte testen sie).

  • Sie sollen „helfen“, aber brauchen selbst Hilfe.

Diese Doppelrolle ist psychologisch identisch zur Adoleszenz.

🔹 5. Autonomie wächst – aber Struktur fehlt

Teenager wollen Freiheit, lösen sich ab, probieren aus – aber ohne innere Ordnung.

Blaugurte machen:

  • eigene Experimente

  • eigene Game-Pläne

  • eigene Trainingsideen

  • neue Positionen

  • riskante Experimente beim Sparring

Aber oft:

  • ohne Masterplan

  • ohne Prioritäten

  • ohne Konsistenz

Es ist eine Phase des Suchens und des Testens.

🔹 6. Körpergefühl verändert sich – aber nicht stabil

Teenager merken:
„Mein Körper kann plötzlich mehr – aber ich weiß nicht genau, wie ich ihn kontrolliere.“

Blaugurte merken:
„Ich verstehe die Technik – aber ich setze sie nicht immer sauber um.“

Es ist eine Phase, in der der Körper mehr kann, aber die Ansteuerung noch wackelt.
Manche Bewegungen fühlen sich plötzlich „richtig“ an – andere komplett daneben.

🔹 7. Vergleiche werden intensiver und emotionaler

Teenager vergleichen sich ständig:

  • Aussehen

  • Fähigkeiten

  • Status

Blaugurte vergleichen sich genauso:

  • mit gleichrangigen Blaugurten

  • mit frischen Purple Belts

  • mit starken Weißgurten

  • mit Besuchern oder Locals

Vergleich ist Teil des Lernprozesses – aber emotional belastend.
Teenagerzeit und Blaugurtzeit sind beide Hochphasen des sozialen Vergleichs.

🔹 8. Erwartungen von außen steigen – und Erwartungen an sich selbst auch

Teenager hören oft:
„Du bist alt genug, das zu können.“

Blaugurte hören indirekt:
„Du bist Blaugurt, das musst du inzwischen können.“

Es entsteht Leistungsdruck – selbst wenn ihn niemand bewusst macht.

Es ist das erste Mal, dass man im BJJ bewertet wird – von anderen, aber vor allem von sich selbst.

🔹 9. Erste wirkliche Identitätskrisen

Teenager haben Selbstbild-Krisen.
Blaugurte auch.

Typische Blue-Belt-Krisen:

  • „Warum werde ich nicht besser?“

  • „Bin ich eigentlich ein talentierter Typ oder nicht?“

  • „Warum fühle ich mich manchmal wie ein Weißgurt?“

  • „Muss ich meine Rolle im Team neu definieren?“

Viele hängen ihr Gi in dieser Phase an den Nagel – genau wie viele Jugendliche in bestimmten Lebensabschnitten aussteigen.

Es ist nicht Schwäche.
Es ist Wachstum, das wehtut.

🔹 10. Nach der Teenagerphase wird alles stabil – so wie nach Blue-Belt

Nach der chaotischen Teenagerzeit wird man erwachsen.
Nach der chaotischen Blaugurtzeit wird man Purple Belt – und vieles wird endlich klar:

  • Identität wird stabiler

  • Technik wird planbarer

  • Ego beruhigt sich

  • Selbstbild wird realistischer

  • Erwartungen werden eingeordnet

  • man kann nüchterner trainieren

  • man sieht seine Stärken und Schwächen sachlich

Genau wie im Leben:
Nach der Teenagerzeit beginnt die echte Entwicklung.

Fazit

Die Blaugurtzeit ist die Teenagerphase des BJJ, weil man:

  • zwischen Statusgruppen hängt

  • Identität sucht

  • sich überfordert fühlt

  • ständig vergleicht

  • unregelmäßig performt

  • Erwartungen spürt

  • experimentiert

  • emotional schwankt

  • soziale Unsicherheit erlebt

  • und am Ende stärker herauskommt als vorher

  • und, die Teenager Zeit dauert manchmal wesentlich länger als man denkt

Der Vergleich passt, weil beide Phasen Übergänge sind – chaotisch, emotional, unsicher, aber notwendig.

Weiter
Weiter

🥋 Kann man Jiu-Jitsu mit 30, 40 oder 50 anfangen?