Wie du dir einen funktionierenden BJJ-Gameplan aufbaust đŸ„‹đŸ’„

(statt einfach nur Techniken zu sammeln)

Wenn man mit Brazilian Jiu-Jitsu anfĂ€ngt, denkt man ĂŒber Wettkampf meistens sehr einfach nach.
Man lernt eine Technik, dann noch eine Technik, dann vielleicht noch eine Guard – und irgendwann entsteht daraus die Idee, dass man fĂŒr einen Wettkampf einfach möglichst viele dieser Techniken beherrschen muss.

Das Problem dabei ist nur:
Ein Match besteht nicht aus Techniken.
Ein Match besteht aus Situationen.
Und ein guter Gameplan entsteht deshalb nicht dadurch, dass man möglichst viele Techniken sammelt, sondern dadurch, dass man versteht, welche Situationen in der eigenen Division ĂŒberhaupt entstehen – und wie wahrscheinlich sie sind.

Genau dort beginnt strategisches Denken im Jiu-Jitsu. 🧠

Denn sobald du anfÀngst, dein Match nicht mehr als Sammlung von Moves zu sehen, sondern als eine Abfolge von Situationen, wird plötzlich klar, dass dein Gameplan eigentlich etwas ganz anderes ist:
Er ist ein Pfad durch die wahrscheinlichsten Szenarien deines Matches.

Der wichtigste erste Schritt: Deine Division verstehen

Bevor du ĂŒberhaupt darĂŒber nachdenkst, welche Guard du spielen möchtest, welche Submissions du bevorzugst oder wie dein Guard Passing aussehen soll, musst du zuerst eine viel wichtigere Frage beantworten:

Wie sehen Matches in meiner Division normalerweise aus?

Denn je nachdem, in welcher Division du startest, können Matches komplett unterschiedlich aussehen.

Ein Beispiel:

⚖ Ein White Belt im Schwergewicht in einer Master-Division kĂ€mpft meist gegen Gegner, die:

  • relativ viel Kraft haben

  • weniger Guard-Erfahrung besitzen

  • hĂ€ufiger im Stand bleiben

Dagegen sieht eine andere Division völlig anders aus:

⚖ Ein Roosterweight Brown Belt in der Adult-Division kĂ€mpft meist gegen Gegner, die:

  • extrem beweglich sind

  • seit vielen Jahren trainieren

  • sehr fortgeschrittene Guards besitzen

Diese beiden Szenarien unterscheiden sich so stark voneinander, dass man fast sagen könnte:
Es handelt sich um zwei verschiedene Sportarten.
Und genau deshalb kann ein Gameplan niemals universell sein.
Er muss immer zur Division passen.

Wie beginnen Matches ĂŒberhaupt?

Wenn man Jiu-Jitsu-Matches beobachtet, merkt man relativ schnell, dass sie fast immer auf eine von drei Arten beginnen:

đŸ„‹ Stand-Up / Takedown Exchange
Beide Athleten bleiben stehen und versuchen, den Gegner zu werfen oder auf den Boden zu bringen.

🛡 Guard Pull
Einer der Athleten entscheidet sich bewusst dafĂŒr, Guard zu spielen und zieht den Gegner in seine Guard.

đŸȘ‘ Double Guard Pull
Beide Athleten setzen sich gleichzeitig hin, weil keiner der beiden im Stand kÀmpfen möchte.

Diese drei Szenarien bilden praktisch den Startpunkt jedes Matches.

Und welche davon am hÀufigsten vorkommen, hÀngt stark ab von drei Faktoren:

⚖ Gewichtsklasse
đŸ„‹ GĂŒrtelgrad
đŸ‘€ Altersklasse

Ein Beispiel: Heavyweight White Belt

Nehmen wir einen Athleten, der in folgender Division startet:
đŸ„‹ White Belt
⚖ 100 kg
đŸ‘€ Master 1

In dieser Division ist es relativ wahrscheinlich, dass viele Matches im Stand beginnen und auch im Stand entschieden werden.
Der Grund dafĂŒr ist einfach:
Viele Athleten besitzen noch keine sehr stabile Guard und verlassen sich stÀrker auf Kraft, Balance und grundlegende Positionen.

Das bedeutet, dass ein sinnvoller Gameplan in dieser Division durchaus beinhalten kann:

  • einfache Takedowns

  • solide Takedown-Defense

  • klares Top-Game

Ein zentraler Grundsatz: Du kannst deinen Gegner nicht zwingen 🔑

Ein zentraler Punkt, den jeder verstehen muss, der seinen Gameplan entwickelt, ist: Du kannst deinen Gegner niemals zu einer bestimmten Handlung zwingen.
Egal, wie clever dein Plan ist, egal, wie sehr du dich auf Takedowns, Guard-Pulls oder Double Guard Pulls spezialisiert hast – die RealitĂ€t auf der Matte ist, dass dein Gegner seine eigenen Entscheidungen trifft.

  • Stand-up-Spieler / Ringer:
    Wenn dein Gameplan hauptsÀchlich auf Ringen basiert, musst du dir zunÀchst einmal klar machen: Wie relevant ist Ringen in deiner Division?
    Wenn die Mehrheit der Gegner sofort Guard zieht oder zumindest einen Guard-Pull in Betracht zieht, kannst du nicht einfach davon ausgehen, dass dein Ringen ausreicht.
    Du musst zusÀtzlich Passer sein, also darauf vorbereitet, direkt nach einem Guard-Pull die Position zu kontrollieren, die Guard zu entwaffnen und in deine bevorzugte Guard-Passing-Position zu gelangen.

  • Double-Pull-Spieler / Leglocks & Berimbolos:
    Wenn du deinen Fokus auf Double Guard Pull, Leglocks oder Berimbolos setzt, aber deine Division nur wenige Double Pulls macht, kann es sehr gut passieren, dass dein Plan nicht wie gewĂŒnscht funktioniert.
    Du musst dann flexibel sein:
    Zuerst selbst Guard etablieren → von Oberkörperkontakten zu den Beinen kommen → HĂŒfte auf die Matte bringen → gewĂŒnschte Double-Pull-Situation erzeugen.

💡 Kurz gesagt:

  • Du kannst deinen Gegner nicht zwingen, zu pullen oder zu stehen.

  • Wer Passer sein will, muss auch Takedowns mögen.

  • Wer Double-Pull-Spieler sein möchte, muss sich darauf einstellen, selbst die Situation aktiv zu schaffen.

Dieses Prinzip ist grundlegend, um Frustration zu vermeiden und einen realistischen, umsetzbaren Gameplan zu entwickeln.

Zwei mögliche Strategien

🧠 Strategie Nummer eins: Anpassung
Du verhĂ€ltst dich so, wie es in deiner Division ĂŒblich ist.
Wenn viele Matches im Stand entschieden werden, investierst du Zeit in Takedowns.
Wenn viele Leute Guard spielen, arbeitest du an Guard Passing.
Das ist oft der sicherste Weg.

🧠 Strategie Nummer zwei: Ausbrechen
Du machst bewusst das Gegenteil von dem, was alle anderen tun.
Wenn niemand eine gute Guard hat, könntest du derjenige sein, der genau das entwickelt.
Wenn alle Guard pullen, könntest du derjenige sein, der stehen bleibt.
Der Vorteil: Dein Gegner befindet sich plötzlich in ungewohnten Situationen.

Der Startpunkt deines Gameplans

Sobald du deine Division analysiert hast, entscheidest du:
đŸ„‹ Ich bleibe im Stand
🛡 Ich spiele Guard
đŸȘ‘ Ich bereite mich auf Double Guard Pull vor

Von dieser Entscheidung aus entwickelt sich der gesamte Gameplan.

Der Gameplan eines Guard Players đŸ„·

Start: Guard Pull
Fragen:

  • Welche Guard kann ich zuverlĂ€ssig erreichen?

  • Welche Grips sind leicht erreichbar?

Beispiele im Gi:
đŸ€Č Collar + Sleeve
đŸȘą Single Lasso
đŸŠ¶ Fuß auf der HĂŒfte

Die ersten Sekunden:

  • Was passiert, wenn mein Grip gebrochen wird?

  • Was passiert, wenn der Gegner versucht, mich zu werfen?

Optionen nach Guard:
⚔ Submission
🔄 Sweep
🐍 Backtake

Nach dem Sweep:

  • In welcher Position lande ich?

  • Wie stabilisiere ich diese Position?

  • Guard Passing starten → Side Control → ggf. Mount/Knee on Belly → Back → Submission

  • Verteidigung des Gegners eröffnet Möglichkeiten fĂŒr Submissions

  • Recovert der Gegner seine Guard, starte den Gameplan erneut beim Guard passen 🔄

Der Gameplan eines Top Players đŸ’Ș

Szenario 1 – Gegner bleibt stehen:

  • Grip Fighting

  • Balance

  • Geduld

  • Nach Takedown → Guard Passing → Side Control → Mount / Back / Submission

Szenario 2 – Gegner pullt Guard:

  • Grips brechen

  • Distanz kontrollieren

  • In Lieblings-Guard-Passing-Position kommen

Wichtig:

  • Nach jedem Pass oder Sweep → StabilitĂ€t → Upgrade → Punkte/Submissions → Gameplan neu starten 🔄

Double Guard Pull đŸ€Œ

  • Relevanz: kleine Gewichtsklassen / hohe Leistungsgrade

  • Fokus: Berimbolos, Leglocks, Guard Passing von unten

  • Ablauf Ă€hnlich wie bei Guard oder Top Player:

    • Backtake → Pass → Mount → Back → Submission

  • FlexibilitĂ€t: Gameplan neu starten, wenn Gegner sich zurĂŒckzieht 🔄

Der große Unterschied zwischen Gi und No-Gi đŸ„‹ vs đŸ©ł

Gi:

  • Oberkörpergriffe → einfacher Guard Pull, Submissions, Sweeps

No-Gi:

  • Keine Oberkörpergriffe → Fokus auf Bein- & HĂŒftkontrolle (Butterfly Hooks, Shin-on-Shin, Single Leg X)

  • Guards erfordern meist bessere Guard-Retention-FĂ€higkeiten

Fazit

  • Analysiere deine Division: Wer macht was, wie wahrscheinlich?

  • WĂ€hle Startposition: Stand, Guard, Double Pull

  • Du kannst deinen Gegner nicht zwingen → FlexibilitĂ€t ist Pflicht

  • Ablauf nach jeder Aktion: Sweep / Pass → StabilitĂ€t → Upgrade → Punkte/Submissions → Neustart 🔄

  • Gi und No-Gi erfordern unterschiedliche AnsĂ€tze

Mit diesem Ansatz hast du einen klaren, wiederholbaren Gameplan, der unabhĂ€ngig von Gewicht, Alter oder Level funktioniert – und gleichzeitig maximale Kontrolle und Chancen auf Punkte oder Submission bietet. âšĄđŸ„‹

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