Was ist eigentlich eine Vermeidungsstrategie — und hilft das?(Spoiler: kurzfristig ja, langfristig fast nie.)
Kurzdefinition
Vermeidungsstrategie heißt: Du reagierst auf Angst, Unsicherheit oder Unbehagen nicht, indem du dich der Sache stellst — sondern indem du sie umgehst, klein redest, verschiebst oder gar nicht erst zulässt.
Auf den ersten Blick funktioniert das: du fühlst dich sofort besser. Langfristig blockierst du aber genau das, was du eigentlich erreichen willst: Lernen, Wachstum und Belastbarkeit.
Warum wir alle das machen (und warum es menschlich ist)
Vermeidung ist kein moralisches Versagen. Es ist ein automatisches Schutzprogramm des Gehirns. Wenn etwas unangenehm aussieht (peinlich werden, scheitern, Schmerzen), greift die Abkürzung: weg da. Evolutionär sinnvoll. In modernen Kontexten aber oft kontraproduktiv.
Kurz: Vermeidung reduziert akuten Stress — erhöht aber langfristig das Risiko für größere Probleme.
Typische Alltags-Formen von Vermeidung (Beispiele)
Termine aufschieben (Zahnarzt, Steuer).
Schwierige Gespräche vermeiden (Chef, Partner, Eltern).
Trainings, die unangenehm sind, auslassen.
Feedback nicht einholen — aus Angst, Kritik zu hören.
In allen Fällen gilt: kurzzeitig Ruhe, langfristig Schulden.
Warum Vermeidung so gefährlich ist
Verstärkung: Je mehr du vermeidest, desto mächtiger wird die Angst.
Wachstumsstopp: Ohne Konfrontation keine Anpassung — keine Verbesserung.
Selbstbild: Du schreibst dir still negative Geschichten („Ich bin nicht belastbar“, „Ich kann das nicht“).
Beziehungen leiden: Wer Konflikte meidet, baut Misstrauen oder Resignation in Partnerschaften und Teams auf.
Vermeidungsstrategien im Jiu-Jitsu
Jetzt kommen wir dahin, wo es richtig reinhaut: im Training zeigt Vermeidung besonders klare Spuren — und zwar nicht erst bei Anfängern.
1) Trainingspartner vermeiden
„Mit dem trainiere ich nicht“ heißt oft: nicht mit dem, bei dem man sich blamiert, nicht mit dem, der einen technisch auseinandernimmt. Folge: du bleibst in deiner Komfortzone, das Match-Up, das dich wirklich weiterbringt, vermeidest du.
2) Bestimmte Positionen meiden
Nie Bottom-Mount, nie Guard, nie Pressure-Passes — klingt harmlos, ist tödlich. Du baust Lücken in deinem Spiel auf, die andere sehr schnell ausnutzen.
3) Techniken nicht anfassen, weil „das passt nicht zu mir“
„Ich bin kein Wrestler / kein Leglocker / kein Guard Player“ — oft eine Identitätsverteidigung. Ergebnis: Türen schließen sich, Reaktionsmöglichkeiten werden weniger, das System wird starrer.
4) Keine Besucher, kein Seminar, kein Open Mat
Neue Leute = Risiko. Wer nur mit seinen Freunden rollt, kriegt keine Vergleichsdaten und stagniert.
5) Feedback verweigern
Nicht auf Video schauen, nicht nachfragen, nicht analysieren. Kurzfristig schützt das das Ego. Langfristig klafft die gleiche Lücke wieder und wieder.
Warum Vermeidung im BJJ besonders schadet
Jiu-Jitsu ist ein soziales Lernsystem. Du brauchst starke Partner, offene Fehlerkultur, transparente Kritik und Situationen, in denen du scheitern darfst. Vermeidung bricht genau dieses Ökosystem auseinander — und damit die Hauptquelle deines Fortschritts.
Wann ist Vermeidung sinnvoll? (Ausnahmen)
Es gibt Fälle, in denen Vermeidung nicht nur ok, sondern klug ist:
Bei echten Verletzungen: Schonung ist Medizin.
Bei akuter Überlastung: Kurzfristiges Runterschalten, dann gezielte Rückkehr.
Bei toxischen Personen: Wenn jemand körperlich gefährlich oder psychisch zerstörend ist, ist Distanz der richtige Schutz.
Wie erkennst du deine eigene Vermeidungsstrategie? (Selbst-Check)
Wenn du eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „ja“ beantwortest, arbeitest du wahrscheinlich mit Vermeidung:
Meidest du regelmäßig bestimmte Trainingspartner oder Situationen?
Sagst du oft „Nächstes Mal“ statt „Heute mache ich es“?
Hast du eine Technik, die du kategorisch ausschließt?
Schaust du selten oder nie Trainingsvideos von dir?
Vermeidest du Turniere nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil du dich nicht zeigen willst?
Wenn ja: gut, erkannt ist halb gewonnen. Jetzt kommt die Arbeit.
Konkrete, sofort umsetzbare Strategien gegen Vermeidung (praktisch)
1) Mini-Exposition
Setze dir eine winzige, konkrete Aufgabe: Eine Runde mit dem schwierigen Partner rollen / 2 Minuten in der unangenehmen Position arbeiten. Kurz genug, dass dein Gehirn nicht in Panik gerät — lang genug, damit Lernen startet.
→ Tägliche Wiederholung: 2 Minuten addieren, 5–7 Tage = Gewohnheit gebrochen.
2) „Wenn-Dann“-Plan
Formuliere im Voraus: Wenn der Typ X mich zum Rollen fragt, dann antworte ich „Ja”
Vorplanung reduziert Fluchtverhalten.
3) Checkliste vor dem Training
Schreibe 2 Punkte auf, die du heute bewusst angehen willst (z. B. „mit dem starken Typ 1x rollen“, „ Übergänge von Bottom Guard zu Sweep üben“). Hake ab. Vermeidung verliert an Macht, wenn sie sichtbar gemacht wird.
4) Externe Verpflichtung
Verabrede dich mit einem konkreten Partner: „Freitag abend, 1 Runde Sparring — wir machen das jetzt. Punkt.“ So entsteht soziale Verantwortung — eine starke Bremse gegen Ausweichen.
5) Video-Regel: 1x pro Woche
Film 1 Runde pro Woche — schaue sie mit einem Coach oder Partner an. Kurzer, fokussierter Blick: 3 Dinge, die gut waren; 2 Dinge, die du sofort ändern kannst.
6) Flip the Script (Neid als Kompass)
Wenn du merkst: „Der Typ kann das, ich will das auch“, dann notiere: 1) Was genau? 2) Wen frage ich? 3) Wann probiere ich es? So wird Neid zu Plan anstelle von Schmerz.
7) Vermeidung öffentlich machen
Sag im Gym offen: „Ich vermeide X, will das ändern — wer hilft mir?“ Transparenz reduziert Scham und schafft Unterstützung.
Rolle der Trainer / Coaches
Trainer erkennen Vermeidung oft schneller als der Athlet selbst. Gute Coaches:
fragen direkt („Wen meidest du?“)
setzen kleine Exposure-Aufgaben
loben mutiges Verhalten, nicht nur Sieg
bauen sichere Übungsumgebungen, in denen Scheitern erlaubt ist
Wenn der Coach die Vermeidung ignoriert, bleibt die Lücke.
Was passiert, wenn du Vermeidung aufgibst? (kurz- und langfristiger Gewinn)
Kurzfristig: mehr Unbehagen, mehr Nervosität — logisch.
Mittelfristig: Skills wachsen, Nervosität reduziert sich, Selbstvertrauen steigt.
Langfristig: Das System (dein Game, dein Gym-Netzwerk, deine Identität) wird resilenter. Du lernst, mit Druck umzugehen — nicht ihn zu umgehen.
Real Talk — was Macht und Identität damit zu tun haben
Häufig ist Vermeidung kein rationales Kalkül. Sie ist Identitätsschutz: „Ich bin kein Wrestler“ ist oft kein technisches Statement, sondern ein Selbstbild. Das zu verändern ist schwer, weil Identität an Emotionen hängt. Die gute Nachricht: Identität ist veränderbar — durch konkrete Erfahrung, nicht durch Willenskraft. Plan kleine, wiederholte Erfahrungen, dann passt sich das Selbstbild.
Kurz-Summary (zum Kopieren)
Vermeidung schützt kurzfristig, blockiert langfristig.
Im Jiu-Jitsu tötet Vermeidung Lernchancen: fehlende Partner, fehlende Positionen, fehlende Techniken.
Ausnahmen: echte Verletzung, akute Überlastung, toxisches Umfeld.
Gegenmittel: Mini-Exposition, Wenn-Dann-Pläne, Video-Check, externe Verpflichtungen, Transparenz.
Trainer haben die Pflicht, Vermeidung zu erkennen und systematisch dagegen zu arbeiten.
Schlusswort
Vermeidung ist menschlich — und gefährlich, wenn sie zur Gewohnheit wird. Wer wirklich besser werden will, muss lernen, kleine, planbare Risiken einzugehen. Nicht weil es heroisch ist, sondern weil es effektiv ist.
Starte klein. Mach die zwei Minuten. Frag deinen Partner. Schau dein Video. Und: erwarte kurzfristigen Widerstand — er ist Teil des Prozesses.

