🥋 Interview mit Moritz Köllensperger
Über Durchhaltevermögen, Wettkämpfe und warum Fortschritt selten spektakulär aussieht
Es gibt Menschen, die Jiu-Jitsu trainieren.
Und es gibt Menschen, die ihr Leben diesem Sport widmen.
Moritz Köllensperger gehört zur zweiten Gruppe.
Seit rund 11 Jahren trainiert er Brazilian Jiu-Jitsu. Seit seinem 19. Lebensjahr tritt er regelmäßig auf hochklassigen Wettkämpfen an und misst sich mit einigen der besten Athleten Europas. Gleichzeitig arbeitet er als Trainer und begleitet andere auf ihrem eigenen Weg im Sport.
Was mich an Moritz beeindruckt, sind nicht nur seine sportlichen Erfolge, sondern vor allem seine Sicht auf den Sport. Seine Antworten drehen sich nicht um geheime Techniken oder Abkürzungen, sondern um Beständigkeit, Verantwortung und die Bereitschaft, schwierige Dinge nicht zu vermeiden.
Dieses Interview richtet sich an alle, die gerade erst anfangen, über ihren ersten Wettkampf nachdenken oder einfach verstehen möchten, was langfristigen Fortschritt im Brazilian Jiu-Jitsu wirklich ausmacht.
Viel Spaß beim Lesen! 🥋
1️⃣ Wenn du an dein erstes Jahr im Jiu-Jitsu zurückdenkst: Was war damals viel schwieriger, als du erwartet hattest? Und was würdest du deinem damaligen Ich heute gerne sagen?
Moritz:
Ich habe Jiujitsu mit 16 Jahren begonnen, es war ein sehr schwieriger Zeitpunkt in meinem Leben.
Ich stand nach jahrelangem Mobbing und ausgeschlossen werden kurz vor dem wiederholen der 10ten Klasse und konnte mich nur durch ein Auslandssemester retten. Hab dann in den USA mit Jiujitsu begonnen.
Ehrlich gesagt hab ich mir glaub ich nicht viel erwartet. Ich war relativ unsportlich und habe nicht erwartet gut zu sein oder es je zu werden. Wettkampf Erfolg hatte ich die ersten Jahre keinen, auch wenn ich ab dem ersten Jahr relativ viel gekämpft habe. Am liebsten würde ich mir einfach sagen dass alles gut wird und ich mich nicht davor fürchten muss zu Träumen.
2️⃣ Fast jeder hat irgendwann einen Moment, in dem er darüber nachdenkt aufzuhören. Gab es so einen Moment bei dir? Und warum hast du trotzdem weitergemacht?
Moritz:
Ganz ehrlich, extrem selten. Ich würde mich eher als under-thinker definieren. Ich denke wenig darüber nach, ins Training gehen ist wie Anschnallen im Auto oder wie Zähneputzen.
Ich steh halt auf und mache es. Wenn ich nicht ins Training gehe weis ich nicht wohin mit mir. Die einzigen Momente, wo ich manchmal darüber nachdenke, ob es die richtige Entscheidung war so tief hineinzugehen, sind weit weg von der Matte.
Ein Sonntagabend alleine irgendwo in einem kleinen Zimmer statt beim Familienessen, ein Geburtstag verpasst, etc. aber diese Gedanken verschwinden meistens so schnell wie sie kommen.
3️⃣ Viele Anfänger glauben, dass Talent das Wichtigste ist. Wenn du auf deine eigene Entwicklung zurückblickst: Welche Rolle spielt Talent wirklich und welche Rolle spielt konsequentes Training?
Moritz:
Wie schon Anfangs erwähnt, war ich extrem unsportlich in meiner Kindheit, ich hatte einen "Coach" der glaubte als ich 18/19 war, mir sagen zu müssen "Wettkämpfer wird aus dir keiner mehr”.
Etwas, das ich sehr lange nicht verstanden habe, ist, dass auch Athletik und Bewegungsqualität entwickelt werden kann. Gutes Athletik Training und genug Zeit im Sport und fast jeder kann “talentiert” aussehen.
Ich bin trotzdem der Meinung, dass man gewisse Eigenschaften mitbringen muss, die man vielleicht als Talent definieren könnte, die schauen aber sehr anders aus als die Masse meint. Hauptsächlich ein enormes Durchhaltevermögen, Sturheit und eine Bereitschaft zu leiden und Dinge aufzugeben. “You can't teach heart”.
Auch diese Eigenschaften können gelernt sein, aber die kann man sich nur selbst beibringen und dafür braucht es wieder eine Grundlage von Durchhaltevermögen. Ist bisschen ein catch22.
Ich nehme 10 mal lieber einen ungeschickten Athleten, der jeden Tag ins Training kommt, als ein Bewegungstalent dem ich hinterherlaufen muss.
4️⃣ Was ist aus deiner Sicht der häufigste Denkfehler, den Anfänger machen? Gibt es etwas, das du immer wieder beobachtest und bei dem du dir denkst: "Genau das bremst ihre Entwicklung"?
Moritz:
Am Anfang löst Grappling sehr viel Panik aus. Zu verstehen, dass Grappling ein Spiel ist, ruhig zu bleiben und zu lernen, spielerisch zu bleiben, ist extrem wichtig für den technischen Fortschritt.
Ich sehe viele Athleten, die nur “scrappen” können, aber nicht mit niedriger Intensität spielen können.
5️⃣ Gab es einen Moment, in dem du verstanden hast, dass Fortschritt nicht dadurch entsteht, dass jede einzelne Trainingseinheit außergewöhnlich ist, sondern dadurch, dass man über Monate und Jahre immer wieder auf die Matte geht? Wie hat sich dadurch deine Einstellung zum Training verändert?
Moritz:
Ich habe am Anfang auch nach dem Geheimnis gesucht, wie man so gut wird. Ich habe alles, das es zu Danaher und Garry Tonon zu lesen gab, gefressen, in der Hoffnung das Geheimnis zu finden, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so viel Fortschritt durch praktisch “nichts” gemacht werden kann.
Ich glaube, dass das richtige Umfeld, in dem man seine gewöhnlichen Trainingseinheiten macht, eine sehr große Rolle spielt.
Für mich selber kam der Switch mit dem Wechsel nach Dublin zur East Coast, wo ich von Profis umgeben war und gesehen habe, wie sie sich jeden Tag verhalten.
6️⃣ Viele Menschen würden eigentlich gerne einmal einen Wettkampf machen. Sie haben aber Angst zu verlieren, sich zu blamieren oder einfach nicht gut genug zu sein. Was würdest du genau diesen Menschen gerne mitgeben?
Moritz:
Ich habe mehr Matches verloren, als die meisten Leute Grappling Einheiten gemacht haben. Interessiert keinen, außer deiner Mama schaut dir niemand zu, und die hat nur Angst, dass du dir weh tust.
Machs einfach.
7️⃣ Welche Niederlage hat dich im Jiu-Jitsu am meisten weitergebracht? Nicht technisch, sondern als Mensch. Warum gerade diese?
Moritz:
Wieder zum Thema underthinking, ich denke sehr wenig über meine vergangenen Matches nach. Wahrscheinlich zu wenig.
Ich hatte seit dem Sprung zum Pro-Level einige Matches gegen Top-Leute. Pawel Jaworski, Declan Moody, etc.
Ich habe das Gefühl, dass ich hier am meisten lerne, das sind die Leute, die ich schlagen muss, um den Sprung auf die Welt Bühne zu schaffen. Diese Matches haben mich dazu bewegt, einige drastische Lebensentscheidungen zu treffen, um die Lücke noch einmal schließen zu können.
8️⃣ Gibt es Trainingspartner, gegen die du früher überhaupt nicht gerne trainiert hast? Wann hast du angefangen, diese Runden nicht mehr als Problem, sondern als Chance zu sehen?
Moritz:
Ich hatte nie Probleme im training aufs Maul zu bekommen. Es gab ein paar Situationen, wo ich mit Leuten nicht gerne trainiert habe, aber die Probleme waren immer zwischenmenschlich. Ich weis nicht, ob ich hier guten Input habe.
9️⃣ Was bedeutet ein neuer Gürtel für dich persönlich? Hat sich deine Sicht darauf im Laufe der Jahre verändert?
Moritz:
Bei Darragh (Anmerkung: der Coach Darragh O Conaill, einer der erfolgreichsten Coaches Europas) waren Gürtel nie wirklich im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ich habe sehr früh angefangen sie als Entwicklungs-Tool zu sehen, und das sollten sie meiner Meinung auch sein. Eine Möglichkeit, Athleten zu fördern und in der richtigen Leistungsklasse zu halten, ist abgesehen davon eine Anerkennung von commitment und Investment.
🔟 Was hat Jiu-Jitsu außerhalb der Matte in deinem Leben verändert? Welche Eigenschaften oder Denkweisen helfen dir heute im Alltag oder im Beruf am meisten?
Moritz:
Jiu jitsu ist mein Leben. Es ist mein Beruf und meine Leidenschaft. Ich war nie ein erwachsener Mensch ohne diesen Sport. Mein Selbstwert, meine Arbeitseinstellung und fast alle meine Stärken sind in irgendeiner Weise auf den Sport zurückzuverfolgen.
1️⃣1️⃣ Stell dir vor, jemand hat gerade sein erstes Probetraining gemacht. Er fand es unglaublich schwer, wurde ständig kontrolliert und überlegt jetzt, ob er überhaupt wiederkommen soll. Was würdest du dieser Person schreiben?
Moritz:
Genau das sind die Gründe, wiederzukommen. So ging es uns am Anfang allen, und der Grund, dass es unglaublich überfordern ist, ist der Grund, es zu machen. Embrace the chaos.
1️⃣2️⃣ Unser Gym richtet sich an Menschen, die glauben, dass Charakter dort entsteht, wo man aufhört, schwierigen Dingen aus dem Weg zu gehen. Was bedeutet dieser Satz für dich persönlich?
Moritz:
Das schöne an diesem Sport ist, dass wir uns aktiv dazu entscheiden können diese Schwierigkeit zu wählen. Niemand zwingt uns, es gibt keine Lebensumstände die Jiu-Jitsu von dir verlangen. Die aktive Entscheidung, sich auf Schwierigkeit einzulassen und dabeizubleiben, ist sehr viel wert.
❓ Persönliche Fragen
1️⃣3️⃣ Wann würdest du jemandem empfehlen, seinen ersten Wettkampf zu machen? Gibt es für dich bestimmte Fähigkeiten oder Verhaltensweisen, bei denen du sagst: "Jetzt ist jemand bereit"? Worauf achtest du persönlich bei deinen Schülern?
Moritz:
grappling ist nicht mma. Normalerweise kommst du unbeschadet aus einem Match.
Ich hatte schon Schüler, die nach 2 Wochen gekämpft haben und eine gute Zeit hatten.
Die einzige Grenze, die ich ziehen würde, ist bei sehr schlechter Fitness/Gesundheit.
1️⃣4️⃣ Wann ist jemand bereit für den nächsten Gürtel? Viele Menschen verbinden den nächsten Gürtel hauptsächlich mit Technik. Worauf schaust du persönlich bei einer Promotion? Welche Eigenschaften sind dir neben der technischen Entwicklung besonders wichtig?
Moritz:
Technische Entwicklung ist nur ein kleiner Teil. Es hängt sehr von der Beziehung des Schülers mit dem Sport ab. Bei Athleten benutze ich Gürtel zur Leistungsentwicklung im Wettkampf, bei Hobby Sportlern Werte ich eher Konsistenz bzw. Commitment zu dem Sport.
1️⃣5️⃣ Sollte man als Anfänger mit Gi oder No-Gi beginnen? Oder würdest du empfehlen, von Anfang an beides zu trainieren? Warum? Welche Vor- und Nachteile siehst du jeweils für Anfänger?
Moritz:
Mach was dir Spaß macht und/oder in Einklang mit deinen Zielen steht, am Ende des Tages ist es für uns alle eine Motivationsfrage und nicht mehr oder weniger. Wenn du Bock auf gi hast mach gi, wenn du Bock auf Nogi hast mach Nogi, end of story.
1️⃣6️⃣ Wie häufig trainierst du selbst aktuell? Und was empfiehlst du jemandem, der gerade erst mit Jiu-Jitsu beginnt? Wovon hängt deine Empfehlung ab? Gibt es aus deiner Sicht eine Mindesthäufigkeit, um wirklich Fortschritte zu machen?
Moritz:
Ich rolle tendenziell einmal täglich und drille kaum bis gar nicht. Dazu Kraft 2-3 mal und Ausdauer. Ich mache Pause nach Gefühl. Worauf ich sehr achte ist Intensitäts Management, keine “roten Tage” hintereinander.
Ich bin aber auch schon seit über 10 Jahren Sportler. Jemandem Neuem würde ich eine stabilere Wochenplanung empfehlen. Routine und Stabilität sind die Grundlage von Fortschritt. Falls ihr Hilfe mit Load Management und euerer Trainingsplanung braucht, biete ich genau dafür meine Mentorship an, wo ich genau das und vieles mehr mit euch durchgehe. Schaut mal auf meinem Instagram vorbei, falls euch das interessiert.
Unter 2 mal die Woche macht der Sport keinen Sinn, ist zu komplex. Darüber hinaus hängt es von deinen Zielen und deiner restlichen life load ab. Nach oben hin geht sehr viel, wenn du 20 bist und kein Geld verdienen musst.
Gleichzeitig gilt auch nicht zu schnell zu viel. Ich habe schon sehr viele talentierte, motivierte Leute ausbrennen sehen.
1️⃣7️⃣ Was bedeutet Jiu-Jitsu heute für dich persönlich? Ist es Sport, Wettkampf, persönliches Wachstum, Lebensstil oder etwas ganz anderes? Hat sich diese Sicht im Laufe der Jahre verändert?
Moritz:
Alles und nichts. Jiujitsu ist ein großer Teil meiner Identität. Ich war nie ein erwachsener Mann ohne Jiu-Jitsu. Es ist die Brille durch die ich die welt betrachte. Ich denke, ich bin zu tief, um die Frage differenziert zu betrachten.
1️⃣8️⃣ Welche Eigenschaften oder Charakterzüge entwickelt Jiu-Jitsu deiner Meinung nach außerhalb der Matte? Was kann ein Mensch aus diesem Sport für sein restliches Leben mitnehmen?
Moritz:
Wie gesagt, ich glaube es ist schwierig für mich, das von innen heraus zu betrachten. Resilienz, emotionale Regulation, Selbstwert, sind für mich glaub ich die Kern Punkte.
1️⃣9️⃣ Was würdest du heute anders machen, wenn du noch einmal als Weißgurt anfangen würdest? Gibt es Fehler, die du vermeiden würdest oder Dinge, auf die du viel früher Wert legen würdest?
Moritz:
Weniger Zeit mit Leuten verbringen, die keine Ahnung haben. Am Anfang ist es sehr schwierig zu beurteilen, wer Legit ist und wer nicht. Leider haben viele Leute keine Ahnung, wovon sie reden. Haltet euch an Leute, die ibjjf oder ADCC adult Erfolge haben. Alles andere ist Fake.
2️⃣0️⃣ Wie siehst du die Zukunft von Brazilian Jiu-Jitsu in Deutschland und Westeuropa? Welche Entwicklungen beobachtest du bereits heute und wohin wird sich der Sport deiner Meinung nach in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln?
Moritz:
Ich denke, der Sport wird sich weiter Richtung Mainstream entwickeln. Der deutschsprachige Raum ist noch sehr weit hinten in der Entwicklung im vergleich zu UK, Polen oder sogar Frankreich.
So langsam sehen wir aber die ersten jungen, zuhause aufgebauten Athleten die auch international Erfolg haben. Linus Schreck, Giuliano Spera, etc ist wirklich die erste Generation, die im Blackbelt Bereich erfolgreich ist.
🙏 Vielen Dank, Moritz!
Vielen Dank an Moritz Köllensperger für die ehrlichen und ausführlichen Antworten.
Moritz Instagram https://www.instagram.com/mojitsu_?utm_source=ig_web_button_share_sheet&igsh=ZDNlZDc0MzIxNw==
Sein Sponsoren: Premium Fitness Foods - Natural Power und Scramble EU | Martial Arts Lifestyle
Was dieses Interview besonders macht: Es zeigt, dass Fortschritt im Brazilian Jiu-Jitsu nicht aus Talent entsteht, sondern aus Konsequenz, Geduld und der Bereitschaft, immer wieder schwierige Situationen aufzusuchen.
Genau diese Werte versuchen wir auch bei Joshimitsu BJJ Solothurn jeden Tag zu vermitteln.
Für Menschen, die spüren, dass ein bequemes Leben nicht automatisch ein erfülltes Leben ist. Für Menschen, die sich nicht beweisen, sondern entwickeln wollen. Für Menschen, die glauben, dass Charakter dort entsteht, wo man aufhört, schwierigen Dingen aus dem Weg zu gehen.
🥋 Wenn du deine eigene Reise beginnen möchtest, findest du auf unserer Website unseren aktuellen Trainingsplan oder kannst direkt ein kostenloses Probetraining buchen.
Wir freuen uns darauf, dich auf der Matte kennenzulernen.

