Jiu-Jitsu ist ein Strategiespiel – und genau das macht es so schwer

Wenn Menschen mit Brazilian Jiu-Jitsu anfangen, haben die meisten zunächst eine ziemlich einfache Vorstellung davon, was sie lernen:

Kämpfen.

Zwei Menschen liegen oder stehen auf einer Matte, versuchen den anderen zu kontrollieren und am Ende zur Aufgabe zu zwingen. Also muss man lernen, stärker, schneller, härter und technisch besser zu kämpfen.

Klingt logisch.

Und trotzdem ist genau diese Vorstellung einer der Gründe, warum viele Anfänger nur langsam Fortschritte machen.

Denn Jiu-Jitsu ist zwar ein Kampfsport. Aber wenn du langfristig gut darin werden möchtest, musst du irgendwann aufhören, es ausschließlich als Kampf zu betrachten.

Jiu-Jitsu ist ein Spiel.

Genauer gesagt: ein Strategiespiel, das innerhalb eines relativ freien, aber klar definierten Regelwerks stattfindet.

Du hast Ziele.
Du hast Regeln.
Du hast Ressourcen.
Du hast Fähigkeiten.
Du hast verschiedene Gebiete.
Du hast unterschiedliche Strategien.
Du sammelst Erfahrung.
Du entwickelst deinen Charakter weiter.
Du schaltest neue Möglichkeiten frei.

Und du triffst ständig auf andere Spieler, die versuchen, genau dasselbe zu tun.

Das klingt zunächst vielleicht etwas verspielt.

Aber je länger man Jiu-Jitsu trainiert, desto deutlicher wird: Diese Betrachtungsweise erklärt erstaunlich gut, wie man tatsächlich besser wird.

Der erste Schritt: Hör auf, nur an „Kämpfen“ zu denken

Das bedeutet nicht, dass Jiu-Jitsu kein Kämpfen ist.

Natürlich ist es ein Kampf.

Wenn dein Gegner dich würgen möchte, solltest du das verhindern.

Wenn du jemanden besiegen möchtest, musst du versuchen, ihn zu kontrollieren.

Im Wettkampf geht es darum, innerhalb eines Regelwerks besser zu sein als dein Gegner.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen:

„Ich muss diesen Kampf gewinnen.“

und

„Ich muss verstehen, wie dieses Spiel funktioniert.“

Der erste Gedanke führt bei Anfängern häufig dazu, dass sie verzweifelt versuchen, nicht zu verlieren.

Der zweite eröffnet die Möglichkeit zu lernen.

Und genau hier beginnt das Problem.

Jiu-Jitsu hat Regeln

Jedes Spiel braucht Regeln.

Schach hat Regeln.

Fußball hat Regeln.

Ein Computerspiel hat Regeln.

Und Jiu-Jitsu hat ebenfalls Regeln.

Ein Teil davon sind die offiziellen Wettkampfregeln. Du darfst bestimmte Dinge tun und andere Dinge nicht.

Aber es gibt noch eine viel größere Ebene von Regeln.

Jede Position hat ihre eigene Logik.

Wenn du in der Mount bist, gelten andere Bedingungen als in der Guard.

Wenn du die Side Control hast, entstehen andere Möglichkeiten.

Wenn dein Gegner deinen Rücken kontrolliert, verändert sich das gesamte Spiel.

In jeder Situation gibt es:

  • bestimmte Möglichkeiten,

  • bestimmte Gefahren,

  • bestimmte Ressourcen,

  • bestimmte Wege, einen Vorteil aufzubauen,

  • und bestimmte Fehler, die dich den Vorteil wieder kosten.

Ein Anfänger sieht zwei Menschen, die miteinander ringen.

Ein erfahrener Jiu-Jitsu-Spieler sieht etwas völlig anderes:

Positionen. Optionen. Wahrscheinlichkeiten. Muster. Entscheidungen.

Das Chaos wird langsam zu einem System.

Und genau das passiert, wenn du beginnst, das Spiel zu verstehen.

Die Matte ist eine riesige offene Welt

Stell dir ein Open-World-Spiel vor.

Du startest nicht und läufst direkt zum Endgegner.

Zumindest solltest du das nicht tun.

Du erkundest zunächst deine Umgebung.

Du sammelst Ressourcen.

Du lernst die Steuerung.

Du entwickelst Fähigkeiten.

Du findest heraus, welche Aufgaben du bereits bewältigen kannst und welche noch zu schwierig sind.

Dann wirst du stärker.

Du schaltest neue Fähigkeiten frei.

Und irgendwann kehrst du an Orte zurück, die dir vorher unmöglich erschienen sind.

Jiu-Jitsu funktioniert erstaunlich ähnlich.

Du musst nicht sofort das gesamte Spiel beherrschen.

Du musst zunächst lernen, wo du dich gerade befindest.

Vielleicht befindest du dich in der Closed Guard.

Das ist dein aktuelles Gebiet.

Welche Möglichkeiten hast du?

Was kann dein Gegner machen?

Welche Positionen kannst du erreichen?

Was darfst du auf keinen Fall zulassen?

Welche Griffe sind wichtig?

Welche Bewegungen führen dich weiter?

Je länger du dort trainierst, desto vertrauter wird dieses Gebiet.

Du hast es erkundet.

Du kennst die Wege.

Du kennst die Gefahren.

Du weißt, wo die Ressourcen liegen.

Und irgendwann ist es nicht mehr einfach „Closed Guard“.

Es ist ein Gebiet, das du kennst.

Jede Position ist ein eigenes Level

Das ist auch der Grund, warum du im Jiu-Jitsu so viel Zeit in einzelnen Positionen verbringen musst.

Von außen kann das langweilig aussehen.

Warum machen wir schon wieder Half Guard?

Warum trainieren wir schon wieder einen Underhook?

Warum üben wir zum hundertsten Mal einen Escape?

Warum verbringen wir so viel Zeit damit, eine bestimmte Position zu halten?

Weil du nicht einfach eine Technik sammelst.

Du baust einen Teil deines Charakters auf.

Du entwickelst Fähigkeiten.

Du lernst die Regeln dieses Gebiets.

Du lernst, was dein Gegner dort machen kann.

Du lernst, welche Entscheidungen dir Vorteile bringen.

Und irgendwann kannst du dich dort frei bewegen.

Das ist Levelaufstieg.

Deine Fähigkeiten sind deine Charakterwerte

Jeder Mensch startet mit anderen Voraussetzungen.

Der eine ist stark.

Der andere schnell.

Der nächste ist beweglich.

Einer hat eine hervorragende Koordination.

Ein anderer hat bereits Erfahrung mit Ringen oder anderen Sportarten.

Manche Menschen sind körperlich unglaublich begabt.

Andere beginnen mit sehr schlechten Voraussetzungen.

Aber das sind nur deine Startwerte.

Jiu-Jitsu gibt dir die Möglichkeit, deinen Charakter weiterzuentwickeln.

Du verbesserst deine Technik.

Dein Timing.

Deine Beweglichkeit.

Deine Kondition.

Deine Balance.

Deine Körperkontrolle.

Deine Entscheidungsfähigkeit.

Deine Fähigkeit, Muster zu erkennen.

Deine Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben.

Und irgendwann bemerkst du etwas Interessantes:

Du bist nicht mehr dieselbe Person, die angefangen hat.

Nicht weil du irgendeinen geheimen Trick gelernt hast.

Sondern weil du deinen Charakter über Jahre hinweg entwickelt hast.

Training ist Erfahrungspunkte sammeln

Jede Trainingseinheit gibt dir Erfahrung.

Aber nicht jede Erfahrung sieht von außen wie Fortschritt aus.

Du kannst eine komplette Runde lang von jemandem kontrolliert werden.

Du kannst ständig getappt werden.

Du kannst zehn Minuten lang überhaupt nichts hinbekommen.

Und trotzdem kann diese Runde unglaublich wertvoll gewesen sein.

Vielleicht hast du herausgefunden, warum dein Escape nicht funktioniert.

Vielleicht hast du zum ersten Mal gespürt, wann dein Gegner seinen Druck verändert.

Vielleicht hast du verstanden, warum dein Coach dir seit Wochen sagt, dass dein Ellbogen an einer bestimmten Stelle bleiben muss.

Das ist Erfahrung.

Du hast die Runde vielleicht verloren.

Aber dein Charakter ist trotzdem stärker geworden.

Das ist einer der wichtigsten Gedanken im Jiu-Jitsu:

Eine Runde muss nicht erfolgreich aussehen, um erfolgreich gewesen zu sein.

Aber jetzt kommt der schwierige Teil

Wenn Jiu-Jitsu ein Spiel ist, könnte man natürlich fragen:

Warum versuchen wir dann überhaupt, zu gewinnen?

Warum lasse ich meinen Partner nicht einfach seine Technik machen?

Warum verteidige ich nicht einfach locker?

Warum lasse ich mich nicht ständig sweepen, passen und submitten?

Weil du dann ebenfalls nicht lernst.

Ein Spiel funktioniert nur, wenn es Widerstand gibt.

Wenn dein Gegner nicht versucht, dich zu besiegen, weißt du nicht, ob deine Strategie funktioniert.

Wenn du nicht versuchst, zu entkommen, weißt du nicht, ob dein Escape funktioniert.

Wenn du nicht versuchst, zu passen, weißt du nicht, ob dein Guard Passing funktioniert.

Wenn du nicht versuchst, zu submitten, weißt du nicht, ob dein Angriff unter echtem Widerstand funktioniert.

Du musst das Spiel ernst nehmen.

Du musst versuchen zu gewinnen.

Sonst fehlt der Druck, der das Spiel überhaupt interessant macht.

Genau hier scheitern viele Anfänger

Es gibt zwei Extreme.

Das erste Extrem:

„Ich muss diese Runde gewinnen.“

Diese Person sieht jede Trainingsrunde als Beweis ihrer Fähigkeiten.

Sie möchte sich nicht blamieren.

Sie möchte keine Position verlieren.

Sie möchte nicht von einem kleineren oder leichteren Partner kontrolliert werden.

Sie kämpft um jeden Zentimeter.

Das Problem?

Sie lernt kaum etwas Neues.

Sie verbringt ihre Zeit damit, das zu verteidigen, was sie bereits kann.

Sie geht selten bewusst in schlechte Positionen.

Sie probiert selten etwas Neues aus.

Sie spielt das Spiel nicht, um neue Fähigkeiten freizuschalten.

Sie spielt nur, um den aktuellen Level zu überleben.

Das ist ungefähr so, als würdest du in einem Strategiespiel die ganze Zeit in deinem Startgebiet bleiben, weil du Angst davor hast, irgendwo zu verlieren.

Du wirst vielleicht ziemlich gut darin, dein Startgebiet zu verteidigen.

Aber du wirst die Welt niemals erkunden.

Das andere Extrem ist genauso problematisch

Die andere Person denkt:

„Ist doch nur Training.“

Sie lässt ihren Partner machen.

Sie kämpft nicht wirklich um Positionen.

Sie versucht nicht ernsthaft zu entkommen.

Sie gibt alles sofort auf.

Sie spielt nicht wirklich.

Das fühlt sich vielleicht angenehm an.

Aber auch so wirst du nicht besonders gut.

Denn Jiu-Jitsu braucht Widerstand.

Du musst spüren, was passiert, wenn jemand deine Technik verhindern möchte.

Du musst Entscheidungen unter Druck treffen.

Du musst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn dein Plan nicht funktioniert.

Du musst manchmal gewinnen.

Du musst manchmal verlieren.

Und du musst beides ernst nehmen.

Die eigentliche Kunst ist die Balance

Das ist vielleicht der schwierigste Teil des Jiu-Jitsu-Lernens:

Du musst gleichzeitig ernsthaft versuchen, das Spiel zu gewinnen und bereit sein, Teile des Spiels absichtlich zu verlieren, um besser zu werden.

Du willst gewinnen.

Aber du musst experimentieren.

Du willst deinen Gegner kontrollieren.

Aber du musst auch lernen, aus schlechten Positionen zu entkommen.

Du willst nicht getappt werden.

Aber du musst neue Angriffe ausprobieren.

Du willst besser sein.

Aber du musst dich regelmäßig Situationen aussetzen, in denen du schlecht bist.

Das klingt widersprüchlich.

Ist es aber nicht.

Es ist genau das, was Lernen bedeutet.

Stell dir ein Strategiespiel vor

Nehmen wir an, du spielst ein Strategiespiel.

Du hast deine Armee aufgebaut.

Du hast Ressourcen gesammelt.

Du hast deine Verteidigung aufgebaut.

Und jetzt kommt ein Gegner, der dich angreift.

Natürlich willst du gewinnen.

Aber wenn du jedes Spiel nur dieselbe Strategie verwendest, wirst du irgendwann stagnieren.

Du musst neue Einheiten ausprobieren.

Andere Strategien testen.

Andere Gebiete erkunden.

Risiken eingehen.

Fehler machen.

Herausfinden, was funktioniert.

Und irgendwann weißt du nicht nur, welche Strategie funktioniert.

Du weißt auch, warum sie funktioniert.

Genau das ist Jiu-Jitsu.

Dein Trainingspartner ist kein Hindernis

Dein Trainingspartner ist ein anderer Spieler.

Und jeder Spieler bringt andere Eigenschaften mit.

Der eine ist stark.

Der andere beweglich.

Der nächste technisch.

Einer ist aggressiv.

Einer defensiv.

Einer ist größer.

Einer kleiner.

Einer hat zehn Jahre Erfahrung.

Einer hat drei Monate Erfahrung.

Jeder verändert das Spiel.

Und genau deshalb sind unterschiedliche Trainingspartner so wertvoll.

Du lernst nicht einfach, eine Technik auszuführen.

Du lernst, wie deine Strategie gegen unterschiedliche Charaktere funktioniert.

Und irgendwann beginnst du, Muster zu erkennen.

Du siehst, wie sich das Gewicht deines Gegners verlagert.

Du spürst, wann er seine Basis verliert.

Du erkennst, wann er einen Griff vorbereitet.

Du weißt, was wahrscheinlich als Nächstes kommt.

Das ist Pattern Recognition – Mustererkennung.

Und genau diese Fähigkeit macht gute Spieler aus.

Dein Trainer kennt die Karte bereits

Wenn du ein riesiges Open-World-Spiel zum ersten Mal spielst, kannst du natürlich alles selbst herausfinden.

Aber das dauert sehr lange.

Ein guter Trainer ist jemand, der bereits einen großen Teil der Karte erkundet hat.

Er weiß:

Welche Fähigkeiten brauchst du?

Welche Dinge sind gerade wichtig?

Welche Fehler machen Anfänger?

Welche Techniken sind wirklich nützlich?

Welche Dinge sind nur Ablenkung?

Was solltest du als Nächstes lernen?

Und deshalb ist eine der wertvollsten Eigenschaften eines Jiu-Jitsu-Schülers:

Coachability.

Du musst nicht alles verstehen.

Du musst nicht alles wissen.

Du musst nicht jede Entscheidung deines Trainers nachvollziehen können.

Aber du musst bereit sein zuzuhören und etwas auszuprobieren.

Wenn dein Trainer dir sagt:

„Konzentrier dich in den nächsten Wochen auf diesen Bereich.“

und du anschließend drei Stunden am Tag YouTube schaust und 17 völlig andere Techniken ausprobierst, hast du nicht unbedingt mehr gelernt.

Du hast nur mehr Informationen gesammelt.

Mehr Informationen sind nicht automatisch mehr Wissen.

Der YouTube-Skilltree ist riesig

Das Internet hat Jiu-Jitsu unglaublich zugänglich gemacht.

Aber es hat auch ein Problem geschaffen.

Du kannst heute innerhalb von fünf Minuten hundert verschiedene Techniken finden.

Armbar aus der Guard.

Triangle aus der Mount.

Berimbolo aus der Backstep.

Irgendein neuer Leg-Lock.

Ein neuer Wrestling Entry.

Eine neue Guard.

Ein neuer „Cheatcode“.

Und plötzlich möchtest du alles lernen.

Das Problem ist:

Du kannst nicht alle Fähigkeiten gleichzeitig entwickeln.

Wenn du einen Rollenspielcharakter hast, bringt es wenig, jeden einzelnen Skilltree gleichzeitig auf Level zwei zu bringen.

Du brauchst Prioritäten.

Erst die Grundlagen.

Dann die nächsten Fähigkeiten.

Dann die nächsten.

Und irgendwann beginnen die einzelnen Fähigkeiten miteinander zu funktionieren.

Die langweiligen Dinge sind oft die wichtigsten

Das ist eine Lektion, die viele Menschen nur schwer akzeptieren.

Du wirst nicht jeden Tag etwas Spektakuläres lernen.

Manchmal trainierst du eine Bewegung, die sich völlig unspektakulär anfühlt.

Frames.

Underhooks.

Head Position.

Hip Movement.

Base.

Distance.

Grip Fighting.

Escapes.

Immer wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Aber genau diese Dinge bilden deine grundlegenden Attribute.

Sie sind deine Charakterwerte.

Und irgendwann passiert etwas Interessantes:

Du bemerkst, dass plötzlich andere Techniken funktionieren.

Nicht weil die Technik plötzlich besser geworden ist.

Du bist besser geworden.

Du hast genug Grundlagen aufgebaut, damit die nächste Ebene überhaupt funktioniert.

Du gehst nicht sofort zum Endgegner

Das ist auch der Grund, warum langfristige Entwicklung so unspektakulär aussehen kann.

Du möchtest vielleicht möglichst schnell gegen die besten Leute rollen.

Das ist verständlich.

Aber wenn du gerade erst Level 3 bist, wird der Level-50-Spieler dich wahrscheinlich einfach überrollen.

Das bedeutet nicht, dass du nichts von ihm lernen kannst.

Aber du kannst nicht erwarten, dass du sofort alle Probleme lösen kannst.

Du musst deine Fähigkeiten Stück für Stück erweitern.

Erst lernst du, dich gegen bestimmte Angriffe zu verteidigen.

Dann lernst du, bestimmte Positionen zu halten.

Dann lernst du, diese Positionen anzugreifen.

Dann lernst du, zwischen ihnen zu wechseln.

Dann kombinierst du alles.

Und irgendwann kannst du Gegner besiegen, die dir früher völlig unmöglich erschienen.

Fortschritt ist nicht linear

Ein weiterer Vorteil des Spielvergleichs:

Du erwartest in einem Rollenspiel nicht, dass dein Charakter jeden Tag sichtbar stärker wird.

Manchmal sammelst du stundenlang Erfahrung, ohne einen großen Unterschied zu bemerken.

Dann schaltest du plötzlich eine Fähigkeit frei.

Und auf einmal kannst du einen Bereich betreten, der vorher unmöglich war.

Jiu-Jitsu funktioniert genauso.

Du trainierst Wochen oder Monate und denkst:

„Irgendwie werde ich nicht besser.“

Dann passiert plötzlich etwas.

Eine Bewegung fühlt sich anders an.

Eine Position ergibt Sinn.

Du erkennst einen Angriff früher.

Du bleibst ruhiger.

Du weißt plötzlich, was du tun musst.

Und rückblickend stellst du fest:

Die letzten Monate waren nicht umsonst.

Du hast die ganze Zeit XP gesammelt.

Du hast es nur noch nicht bemerkt.

Wettkampf ist der Ranked-Modus

Wettkampf ist im Grunde der Moment, in dem du deinen Charakter in den Ranked-Modus schickst.

Jetzt gibt es ein klares Regelwerk.

Einen Gegner.

Zeit.

Punkte.

Druck.

Keine Absprache darüber, was passieren wird.

Jetzt musst du deine Fähigkeiten unter maximalem Widerstand einsetzen.

Aber genau deshalb sollte Wettkampf nicht der einzige Ort sein, an dem du ernsthaft trainierst.

Training ist der Ort, an dem du deinen Charakter entwickelst.

Wettkampf ist der Ort, an dem du herausfindest, wie gut du ihn bisher entwickelt hast.

Und wenn du verlierst, hast du neue Daten.

Vielleicht war dein Guard Passing nicht gut genug.

Vielleicht hast du unter Druck falsche Entscheidungen getroffen.

Vielleicht war deine Kondition schlecht.

Vielleicht hast du einen Bereich völlig unterschätzt.

Das ist keine Katastrophe.

Das ist Information.

XP.

Der Gürtel ist nur dein Level

Ein Gürtel ist natürlich wichtig.

Er zeigt, dass du über einen längeren Zeitraum Fähigkeiten und Verständnis entwickelt hast.

Aber der Gürtel ist nicht das Spiel.

Er ist nur eine Anzeige deines Fortschritts.

Und das Interessante ist:

Je höher dein Level wird, desto größer erscheint die Welt.

Ein Anfänger denkt vielleicht:

„Wenn ich diese 50 Techniken kenne, bin ich gut.“

Ein Fortgeschrittener merkt:

„Es gibt viel mehr zu lernen.“

Ein Schwarzgurt versteht irgendwann:

„Das Spiel ist riesig.“

Das ist kein Zeichen dafür, dass du schlechter geworden bist.

Im Gegenteil.

Du siehst einfach zum ersten Mal, wie groß die Welt wirklich ist.

Und irgendwann geht es gar nicht mehr darum, andere zu besiegen

Das ist vielleicht der schönste Teil.

Am Anfang ist der andere Spieler dein Gegner.

Später wird er zu einem Problem, das du lösen möchtest.

Dann wird dein Trainingspartner zu einer Informationsquelle.

Du fragst dich:

Warum funktioniert das gegen ihn?

Warum funktioniert es gegen den anderen nicht?

Warum verliere ich diese Position immer?

Welche Fähigkeit fehlt mir?

Was muss ich verbessern?

Und irgendwann wird dein größter Gegner nicht mehr der Mensch auf der anderen Seite der Matte.

Sondern dein eigener Entwicklungsstand.

Du kannst deinen Charakter nicht hochleveln, ohne zu spielen

Es gibt allerdings einen Cheat, den es nicht gibt.

Du kannst nicht einfach zehn Stunden Jiu-Jitsu-Videos schauen und dadurch zehn Stunden Jiu-Jitsu-Erfahrung ersetzen.

Du kannst Instruktionals kaufen.

Du kannst Bücher lesen.

Du kannst Videos anschauen.

Du kannst über Technik nachdenken.

Aber irgendwann musst du spielen.

Du musst auf die Matte.

Du musst mit einem anderen Menschen interagieren.

Du musst Entscheidungen treffen.

Du musst Fehler machen.

Du musst verlieren.

Du musst es erneut versuchen.

Es gibt keinen Pay-to-Win-Modus.

Es gibt keinen Cheatcode.

Es gibt keinen Shortcut.

Du levelst auf, indem du spielst.

Das eigentliche Ziel ist nicht, der beste Spieler im Raum zu sein

Wenn du Jiu-Jitsu nur als Kampf siehst, ist dein Ziel schnell klar:

Besiege den anderen.

Wenn du Jiu-Jitsu als Spiel siehst, verändert sich das Ziel.

Dann geht es darum:

Wie entwickle ich meinen Charakter?

Welche Fähigkeit fehlt mir?

Welchen Bereich muss ich noch erkunden?

Welche Schwäche muss ich beheben?

Welche Strategie muss ich ausprobieren?

Was kann ich aus dieser Niederlage lernen?

Und plötzlich wird Jiu-Jitsu viel größer als die Frage, wer heute im Sparring gewonnen hat.

Jiu-Jitsu ist gleichzeitig Spiel und Kampf

Und genau hier liegt die eigentliche Schwierigkeit.

Jiu-Jitsu ist beides.

Du musst ernsthaft versuchen zu gewinnen.

Aber du darfst nicht davon abhängig sein, jedes Training zu gewinnen.

Du musst kämpfen.

Aber du darfst nicht ständig nur daran denken, zu kämpfen.

Du musst Widerstand geben.

Aber du musst auch bereit sein, schlechte Positionen zu trainieren.

Du musst deinen Gegner besiegen wollen.

Aber du musst gleichzeitig verstehen, dass dein Gegner dir dabei hilft, besser zu werden.

Du musst das Spiel ernst nehmen.

Aber du darfst dein Ego nicht ernst nehmen.

Das ist die Balance.

Und je früher du sie verstehst, desto schneller wirst du besser.

Vielleicht ist das die wichtigste Regel des Spiels

Wenn du morgen zum Training kommst, musst du nicht beweisen, dass du ein guter Kämpfer bist.

Du musst auch nicht gewinnen.

Du musst nicht beeindruckend aussehen.

Du musst nicht zeigen, dass du hart bist.

Du musst spielen.

Du musst lernen.

Du musst ausprobieren.

Du musst zuhören.

Du musst Fehler machen.

Du musst XP sammeln.

Und du musst immer wieder zurückkommen.

Denn irgendwann wirst du feststellen, dass du nicht mehr derselbe Charakter bist, mit dem du angefangen hast.

Du bist stärker geworden.

Technisch besser.

Ruhiger.

Aufmerksamer.

Belastbarer.

Besser darin, Probleme zu lösen.

Besser darin, mit Niederlagen umzugehen.

Besser darin, dich selbst zu kontrollieren.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Sinn des Spiels.

Nicht, irgendwann den Endgegner zu besiegen.

Sondern einen Charakter zu entwickeln, auf den du stolz sein kannst.

Jiu-Jitsu ist ein Strategiespiel.

Es hat Regeln.

Es hat Ziele.

Es hat unendlich viele Möglichkeiten.

Es hat schwierige Gegner.

Es hat Level.

Es hat Erfahrungspunkte.

Es hat Niederlagen.

Und es hat keinen Cheatcode.

Du kannst dir den Weg nicht ersparen.

Du musst spielen.

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Warum fühlt sich Brazilian Jiu-Jitsu am Anfang so schwer an?