Nachruf auf alle, die aufgehört haben
Heute denken wir an diejenigen, die nicht mehr da sind.
Nicht weil sie verletzt sind.
Nicht weil sie umgezogen sind.
Sondern weil das Leben sie langsam, fast unmerklich, von der Matte weggezogen hat — wie ein sauberer Collar-Drag, den man erst bemerkt, wenn man schon sitzt.
Wir erinnern uns an sie.
Nicht aus Schadenfreude, sondern aus Zuneigung.
Denn wer einmal hier war, gehört irgendwie immer noch dazu.
Vielleicht hatten sie schlechte Trainingswochen.
Vielleicht dachten sie: „Ich komme nächste Woche wieder.“
Und dann passierte… nichts.
Nur Tage, die ineinander flossen.
Termine, Müdigkeit, Knie, die komisch fühlten, und irgendwann die Erkenntnis, dass man auch ohne Jiu-Jitsu überlebt.
Schade — denn leben ist was anderes.
Wir gedenken…
Dem Motivierten
Der in Woche eins zwei Shoyoroll Gis kaufte,
eine Mobility-App installierte
und den Timer „BJJ – jeden Tag 18:30!“ stellte.
Er war sicher, dass Disziplin seine Superpower wird.
Es stellte sich heraus: Müdigkeit war stärker.
Der Philosophin
Die nach drei Wochen erkannte,
dass Jiu-Jitsu „eigentlich Gewalt reproduziert“
und seitdem Pilates macht,
weil da niemand versucht, ihren Nacken zu stauchen.
Sie meinte, sie komme „für die Energie“ vielleicht zurück.
Die Matte hat viele Energien.
Sie nutzt davon keine mehr.
Dem Bürokrieger
Der im Stand plötzlich Brustmuskel-Vollgas gab,
als würde er eine Deadline verteidigen.
Irgendwann kam er nicht mehr,
weil er „morgens so müde war“.
Es war 18 Uhr.
Es ist okay. Wir kennen das.
Dem Krankenfreund
Der „immer Pech hat“ —
Erkältung, Rücken, Stress, Auto kaputt,
Stress wegen Stress, Erkältung wegen Stress.
Und jedes Mal: „Sobald das rum ist, bin ich wieder dabei.“
Wir glauben es ihm.
Und gleichzeitig: Er kommt nicht wieder.
Der Ehrlichen
Sie sagte offen:
„Ich fühle mich hier wie die Schlechteste.“
Wir sagten: „Genau deshalb wird’s gut.“
Aber sie dachte, Fortschritt müsste schneller kommen.
Das Leben hat ihr beigebracht:
Ungeduld gewinnt keinen einzigen Runde.
Den Unauffälligen
Der niemandem Tschüss gesagt hat.
Der einfach irgendwann fehlte.
Und beim nächsten Stammtisch sagte:
„Ich wollte ja kommen, aber…“
Und dann redete er über Arbeit, Fitnessstudio, Alltag.
Manchmal ist Schweigen das ehrlichste Abschiedswort.
Die Wahrheit ist:
Jiu-Jitsu verliert niemanden schlagartig.
Es verliert die meisten leise.
Im Alltag.
Im eine Woche Pause.
Im Nächsten Monat fange ich wieder an.
Im Ich müsste eigentlich.
Und es stimmt:
Das Leben ist viel.
Pflichten, Müdigkeit, Beziehungen, Rechnungen, Prioritäten.
Jiu-Jitsu nimmt Energie.
Und gibt noch viel mehr zurück —
aber nur denen, die lange genug bleiben, um es zu merken.
Wir meinen das nicht böse.
Wir wissen, wie schwer es ist, dranzubleiben.
Wir wissen, wie oft man wankt.
Viele von uns haben schon mit dem Gedanken gespielt,
leise aus der Tür zu gehen
und „vielleicht irgendwann zurückzukommen“.
Manche tun es wirklich.
Andere nicht.
Wenn du einer von denen bist, die gegangen sind:
Wir verstehen dich.
Wirklich.
Und gleichzeitig —
wir vermissen dich ein bisschen.
Nicht, weil du perfekt warst,
sondern weil du Teil dieses absurden, schönen, frustrierenden Spiels warst,
bei dem Menschen sich freiwillig umeinander wickeln,
um daran zu wachsen.
Vielleicht liest du das und fühlst ein kleines Ziehen:
eine Erinnerung an Fortschritt,
an kleine Siege,
an ein Leben, in dem du härter, aufmerksamer, lebendiger warst.
Vielleicht ist da ein Funke.
Wenn ja — du weißt, wo die Tür ist.
Sie war nie zu.
Und niemand hier erwartet, dass du fit kommst,
motiviert, schlank, stark oder „bereit“.
Wir erwarten nur eins:
Dass du wieder auftauchst.
Und wenn nicht —
wir heben trotzdem das Glas auf dich.
Manchmal gewinnt Commitment.
Manchmal gewinnt Alltag.
So ist das.
Aber sollte es dich doch wieder hierherziehen,
auch nur für einen Versuch:
Die Matte wird nicht nachfragen.
Sie wird dich einfach empfangen.
Und das ist vielleicht das Schönste an diesem Sport.

