Warum die Schüler, die ihren nächsten Gürtel am meisten wollen, ihn oft noch nicht verdienen
A student's desire to get promoted directly reflects his or her skill level.“
Frei zitiert nach Dan Lukehart„Wie sehr ein Schüler seinen nächsten Gürtel haben möchte, sagt viel über sein tatsächliches Leistungsniveau aus.“
Dieser Gedanke von Dan “TrumpetDan” Lukehart, Coach bei Brea Jiu-Jitsu in Südkalifornien, hat mich sofort angesprochen, weil ich ihn aus meiner eigenen Erfahrung als Trainer immer wieder beobachten kann.
(Wer Ihn nicht kennt mal seinen Schüler Nolan Stuart googlen und seine Matches studieren)
Es gibt Schüler, die kaum erwarten können, ihren nächsten Gürtel zu bekommen.
Sie fragen, wann es so weit ist. Sie vergleichen sich mit anderen. Sie rechnen Trainingszeiten zusammen. Sie beobachten, wer wann befördert wurde.
Und manchmal beschäftigen sie sich mehr mit der Frage „Wann bekomme ich meinen Gürtel?“ als mit der viel wichtigeren Frage:
„Was muss ich eigentlich noch lernen?“
Und dann gibt es die anderen.
Diejenigen, die plötzlich vom Trainer hören:
„Ich glaube, du bist bereit für deinen nächsten Gürtel.“
Und deren erste Reaktion ist:
„Was? Nein. Wirklich nicht.“
„Ich kann doch noch gar nichts.“
„Ich habe noch so viele Lücken.“
„Ich möchte noch gar keinen neuen Gürtel.“
Und genau diese Menschen sind häufig diejenigen, bei denen ich denke:
Vielleicht bist du gerade deshalb bereit.
Das klingt zunächst paradox.
Psychologisch ergibt es aber erstaunlich viel Sinn.
Der Gürtel ist nicht das Ziel
Ein Gürtel sollte keine Belohnung dafür sein, dass du lange genug Mitglied bist.
Er sollte auch kein Preis dafür sein, dass du besonders viele Trainingseinheiten absolviert hast.
Und er sollte schon gar nicht einfach ein Mittel sein, um deine Motivation aufrechtzuerhalten.
Der Gürtel soll grundsätzlich etwas sichtbar machen, das bereits passiert ist.
Du hast dich entwickelt.
Du verstehst Jiu-Jitsu besser.
Du kannst Situationen lösen, die du früher nicht lösen konntest.
Deine Technik ist besser geworden.
Deine Entscheidungen sind besser geworden.
Du kannst dich unter Druck besser orientieren.
Du bist ein besserer Trainingspartner geworden.
Du hast gelernt, Fehler zu erkennen und zu korrigieren.
Der Gürtel ist deshalb idealerweise eine Folge deiner Entwicklung.
Nicht das Ziel deiner Entwicklung.
Und genau hier beginnt das Problem.
Was passiert, wenn der Gürtel zum eigentlichen Ziel wird?
Stell dir zwei Schüler vor.
Der erste denkt beim Training:
„Wann bekomme ich endlich meinen Purple Belt?“
Der zweite denkt:
„Was muss ich besser können?“
Das klingt nach einem kleinen Unterschied.
Tatsächlich sind es zwei völlig unterschiedliche Denkweisen.
Der erste konzentriert sich auf ein Ergebnis.
Der zweite konzentriert sich auf Entwicklung.
Der erste schaut auf den Gürtel.
Der zweite schaut auf seine Fähigkeiten.
Und Jiu-Jitsu belohnt normalerweise den zweiten.
Denn du kannst nicht einfach einen Purple Belt trainieren.
Du kannst nur die Fähigkeiten trainieren, die irgendwann dazu führen, dass du einen Purple Belt verdienst.
„Aber ich trainiere doch schon lange!“
Eine der häufigsten Begründungen für den Wunsch nach dem nächsten Gürtel ist die Trainingszeit.
„Ich bin jetzt seit zwei Jahren dabei.“
Das Problem:
Zeit ist kein Skill.
Zwei Jahre Mitgliedschaft bedeuten nicht automatisch zwei Jahre Entwicklung.
Zwei Menschen können genauso lange Jiu-Jitsu trainieren und auf völlig unterschiedlichen Niveaus sein.
Der eine kommt zuverlässig.
Der andere kommt, wenn es gerade gut passt.
Der eine hört seinem Trainer zu.
Der andere schaut jeden Abend zehn verschiedene YouTube-Videos und versucht nächste Woche alles gleichzeitig umzusetzen.
Der eine arbeitet gezielt an seinen Schwächen.
Der andere macht immer das, was ihm leichtfällt.
Der eine trainiert auch dann, wenn er nicht hundertprozentig motiviert ist.
Der andere findet regelmäßig einen Grund, warum heute gerade etwas dazwischengekommen ist.
Deshalb sagt die Anzahl der vergangenen Monate alleine relativ wenig darüber aus, wie weit jemand tatsächlich gekommen ist.
Trainingszeit ist nicht dasselbe wie Entwicklung
Natürlich ist regelmäßiges Training wichtig.
Aber auch hier gilt:
Anwesenheit ist nicht dasselbe wie Lernen.
Du kannst fünfmal pro Woche auf der Matte stehen und dich trotzdem weniger entwickeln als jemand, der dreimal pro Woche trainiert.
Das klingt zunächst unfair.
Ist es aber nicht.
Menschen lernen unterschiedlich schnell.
Manche verstehen Bewegungen sofort.
Andere brauchen deutlich länger.
Manche können bestimmte Bewegungsmuster intuitiv erfassen.
Andere müssen sie hundertmal wiederholen.
Manche hören eine Erklärung einmal und können sie direkt umsetzen.
Andere brauchen mehrere Wochen, bis sich dieselbe Idee wirklich festsetzt.
Und dann gibt es noch etwas, das wir viel stärker beeinflussen können:
Wie ernsthaft du deine Trainingszeit nutzt.
Zwei Menschen können gleichzeitig im selben Training stehen und trotzdem völlig unterschiedliche Dinge aus ihrer Stunde mitnehmen.
Der eine hört dem Trainer aufmerksam zu.
Er versucht die Technik umzusetzen.
Er nimmt Korrekturen an.
Er wiederholt die Bewegung.
Er denkt über seine Fehler nach.
Er versucht, das Gelernte im Sparring anzuwenden.
Der andere ist zwar ebenfalls körperlich anwesend, aber gedanklich vielleicht ganz woanders.
Er redet.
Er wartet auf die nächste Runde.
Er macht seine Lieblingsposition.
Er versucht, seinen Trainingspartner zu besiegen.
Er ignoriert Korrekturen.
Oder er verbringt die Hälfte der Woche damit, irgendwelche Techniken aus dem Internet zu konsumieren, anstatt die Dinge zu üben, die sein Trainer ihm gerade beigebracht hat.
Beide waren da.
Beide haben dieselbe Trainingszeit auf dem Papier.
Aber sie hatten nicht dieselbe Lernzeit.
Deshalb ist der Satz
„Ich war die letzten drei Monate fünfmal pro Woche da!“
noch lange kein Beweis dafür, dass du dich stärker entwickelt hast als jemand, der dreimal pro Woche trainiert hat.
Vielleicht war dieser andere Schüler seltener da.
Aber vielleicht hat er jede einzelne Trainingseinheit deutlich besser genutzt.
Vielleicht hört er besser zu.
Vielleicht konzentriert er sich besser.
Vielleicht arbeitet er härter.
Vielleicht reflektiert er seine Fehler.
Vielleicht setzt er Korrekturen konsequenter um.
Nicht jede Stunde auf der Matte ist gleich viel wert.
Und dann gibt es Dinge, die du überhaupt nicht kontrollieren kannst
Noch komplizierter wird es, weil Menschen nicht mit denselben Voraussetzungen anfangen.
Wir lernen nicht alle gleich schnell.
Wir haben unterschiedliche körperliche Voraussetzungen.
Unterschiedliche Koordination.
Unterschiedliche Beweglichkeit.
Unterschiedliche Kraft.
Unterschiedliche Reaktionsgeschwindigkeit.
Unterschiedliche Auffassungsgabe.
Unterschiedliche Erfahrungen aus anderen Sportarten.
Und natürlich spielen auch genetische Faktoren eine Rolle.
Das ist weder gut noch schlecht.
Es ist einfach Realität.
Vielleicht braucht dein Trainingspartner drei Wiederholungen, bis er eine Bewegung verstanden hat.
Du brauchst dreißig.
Vielleicht ist er von Natur aus koordinierter.
Vielleicht ist er explosiver.
Vielleicht fällt ihm eine bestimmte Bewegung einfach leichter.
Das kannst du nicht wegdiskutieren.
Und wenn du anfängst, dich ständig mit genau diesen Dingen zu vergleichen, produzierst du vor allem eines:
Frust.
Denn du versuchst, ein Ergebnis zu kontrollieren, das teilweise gar nicht vollständig in deiner Kontrolle liegt.
Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht:
„Warum bin ich nicht so gut wie er?“
Sondern:
„Was kann ich tun, damit ich besser bin als ich selbst vor sechs Monaten?“
Das ist ein Vergleich, bei dem du tatsächlich Einfluss hast.
Dein Nachbar ist nicht dein Maßstab
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Regeln für langfristige Entwicklung.
Dein Trainingspartner hat sein eigenes Spiel.
Seine eigene Geschichte.
Seine eigenen Voraussetzungen.
Seine eigene Lernkurve.
Sein eigenes Leben.
Vielleicht trainiert er mehr.
Vielleicht trainiert er weniger.
Vielleicht lernt er schneller.
Vielleicht hat er körperliche Vorteile.
Vielleicht hat er jahrelang einen anderen Sport gemacht.
Vielleicht hat er einfach ein außergewöhnliches Talent für bestimmte Bewegungen.
Das ist sein Weg.
Du hast deinen.
Wenn du ständig versuchst, das Ziel deines Nachbarn zu erreichen, verlierst du dein eigenes Ziel aus den Augen.
Deshalb sollte die Frage nicht sein:
„Warum hat er schon Purple Belt und ich nicht?“
Sondern:
„Was ist mein nächstes sinnvolles Ziel?“
Vielleicht ist das eine bestimmte Position.
Vielleicht ein bestimmter Escape.
Vielleicht regelmäßiger zu trainieren.
Vielleicht endlich einmal ruhig zu bleiben, wenn du unter Druck gerätst.
Vielleicht deinen ersten Wettkampf zu machen.
Vielleicht einfach drei Monate konsequent zu trainieren.
Das Ziel muss zu dir passen.
Der Gürtel ist auch ein Statussymbol
Das macht die Sache psychologisch interessant.
Ein Gürtel ist nicht nur ein Stück Stoff.
Er ist innerhalb der Jiu-Jitsu-Welt ein sichtbares Signal.
Andere Menschen sehen ihn.
Anfänger sehen ihn.
Trainingspartner sehen ihn.
Er verändert, wie andere dich einordnen.
Und genau deshalb kann ein Gürtel sehr attraktiv werden.
Wenn jemand unbedingt den nächsten Gürtel möchte, kann irgendwann etwas passieren:
Der Schüler möchte nicht mehr nur die Fähigkeiten eines Purple Belts entwickeln.
Er möchte Purple Belt sein.
Das klingt ähnlich.
Ist aber etwas völlig anderes.
Der eine Wunsch ist:
„Ich möchte besser werden.“
Der andere:
„Ich möchte als jemand wahrgenommen werden, der besser ist.“
Der erste ist auf Entwicklung ausgerichtet.
Der zweite auf Status.
Status und Kompetenz sind nicht dasselbe
Das ist eine der wichtigsten Lektionen im Jiu-Jitsu.
Du kannst einen Gürtel tragen, ohne alles zu können, was mit diesem Gürtel verbunden ist.
Genauso kannst du Fähigkeiten besitzen, die weit über das hinausgehen, was jemand aufgrund seines Gürtels vielleicht erwarten würde.
Der Gürtel ist eine grobe Orientierung.
Er ist kein exakter Messwert deiner Fähigkeiten.
Und genau deshalb sollte man nicht versuchen, den Status zu erreichen, sondern die Kompetenz, die der Status repräsentieren soll.
Der gefährliche Perspektivwechsel
Wenn der Gürtel zum Ziel wird, verändert sich irgendwann die Frage.
Statt:
„Was kann ich heute lernen?“
fragst du:
„Was muss ich tun, damit mein Trainer mich befördert?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn jetzt wird das Training zum Mittel für ein äußeres Ziel.
Und plötzlich wird es unangenehm, schlecht auszusehen.
Du möchtest deinen Trainingspartner besiegen.
Du möchtest deine Stärken zeigen.
Du möchtest nicht ständig in Positionen geraten, in denen du keine Ahnung hast, was du tun sollst.
Aber genau dort liegt häufig das größte Lernpotenzial.
Du schützt deinen aktuellen Level, statt den nächsten zu erreichen
Stell dir vor, Jiu-Jitsu wäre ein Strategiespiel.
Du hast bestimmte Fähigkeiten freigeschaltet.
Mit diesen Fähigkeiten kannst du dich in bekannten Gebieten relativ sicher bewegen.
Du weißt, was funktioniert.
Du kennst deine besten Waffen.
Du kennst deine bevorzugten Positionen.
Jetzt möchtest du unbedingt das nächste Level erreichen.
Was wäre eine schlechte Strategie?
Nur noch das zu machen, was du bereits kannst.
Schwierige Gegner vermeiden.
Unbekannte Gebiete vermeiden.
Keine neuen Fähigkeiten ausprobieren.
Immer gewinnen wollen.
Das Problem:
Du sammelst dadurch kaum neue Erfahrung.
Du bist zu sehr damit beschäftigt, deinen aktuellen Status zu verteidigen.
Genau dasselbe kann im Jiu-Jitsu passieren.
Die Schüler, die ihren Gürtel nicht wollen
Und dann gibt es den anderen Typen.
Du sagst ihm:
„Ich glaube, du bist bereit für deinen nächsten Gürtel.“
Und er sagt:
„Was? Nein.“
Warum?
Weil er seine eigenen Lücken kennt.
Er weiß, dass seine Guard nicht perfekt ist.
Er weiß, dass sein Takedown-Spiel schlecht ist.
Er weiß, dass er unter Druck manchmal schlechte Entscheidungen trifft.
Er weiß, dass er gegen bestimmte Spielertypen Probleme bekommt.
Er sieht all die Dinge, die er noch nicht kann.
Und genau deshalb fühlt er sich vielleicht noch nicht bereit.
Das ist psychologisch interessant.
Denn je besser du Jiu-Jitsu verstehst, desto besser kannst du auch erkennen, wie viel du noch nicht verstehst.
Je mehr du weißt, desto größer wird deine Ahnungslosigkeit
Das kennen wir aus dem Lernprozess.
Ein Anfänger weiß oft gar nicht, was er nicht kann.
Deshalb kann er sich relativ schnell für gut halten.
Dann beginnt er zu lernen.
Plötzlich erkennt er:
„Oh.“
„Das kann ich nicht.“
„Das kann ich auch nicht.“
„Warum funktioniert meine Guard gegen diesen Typen überhaupt nicht?“
„Warum verliere ich immer wieder dieselbe Position?“
„Warum mache ich diesen Fehler jedes Mal?“
Sein Wissen wächst.
Aber gleichzeitig wächst sein Bewusstsein über seine eigenen Schwächen.
Das kann sich subjektiv wie ein Rückschritt anfühlen.
Objektiv ist es häufig genau das Gegenteil.
Ein realistisches Selbstbild ist wertvoll
Ein Schüler, der sagt:
„Ich bin noch nicht bereit.“
hat möglicherweise ein wesentlich realistischeres Bild von seinem eigenen Können als jemand, der unbedingt davon überzeugt ist, dass er endlich befördert werden müsste.
Denn der zweite bewertet sich möglicherweise anhand äußerer Faktoren:
Trainingszeit.
Gürtel anderer Leute.
Wettkampfergebnisse.
Wie viele Techniken er kennt.
Wie oft er jemanden besiegt.
Der erste fragt dagegen:
„Kann ich das wirklich?“
Das ist eine viel bessere Frage.
Das bedeutet nicht, dass jeder, der seinen Gürtel nicht möchte, bereit ist
Natürlich ist das keine mathematische Regel.
Es gibt unsichere Menschen.
Es gibt Menschen, die sich grundsätzlich unterschätzen.
Es gibt Menschen, die einfach keine Lust auf Graduierungen haben.
Und natürlich gibt es Menschen, die ihren Gürtel unbedingt wollen und trotzdem hervorragende Jiu-Jitsu-Spieler sind.
Es geht also nicht darum:
„Wer seinen Gürtel will, ist schlecht.“
Das wäre Unsinn.
Es geht um etwas anderes:
Worauf richtet sich deine Aufmerksamkeit?
Auf den Status?
Oder auf die Entwicklung?
Die bessere Frage
Statt zu fragen:
„Wann bekomme ich meinen nächsten Gürtel?“
ist eine viel bessere Frage:
„Welche Fähigkeiten fehlen mir als nächstes?“
Das verändert alles.
Jetzt hast du eine Aufgabe.
Vielleicht ist deine Guard schlecht.
Dann arbeite daran.
Vielleicht kannst du keine vernünftigen Escapes.
Dann arbeite daran.
Vielleicht bist du unter Druck völlig planlos.
Dann arbeite daran.
Vielleicht bist du ein schlechter Trainingspartner.
Dann arbeite daran.
Vielleicht trainierst du nicht regelmäßig genug.
Dann arbeite daran.
Jetzt sammelst du tatsächlich Erfahrung.
Jetzt entwickelst du dich.
Jetzt baust du die Fähigkeiten auf, die dein nächster Gürtel irgendwann repräsentieren soll.
Der Gürtel sollte eine Nebenwirkung sein
Das ist wahrscheinlich die beste Art, darüber nachzudenken.
Du gehst nicht zum Training, um einen Gürtel zu bekommen.
Du gehst zum Training, um besser zu werden.
Du lernst eine neue Position.
Du verbesserst deine Technik.
Du wirst besser darin, unter Druck Entscheidungen zu treffen.
Du lernst, Fehler zu erkennen.
Du wirst körperlich belastbarer.
Du wirst mental belastbarer.
Du wirst ein besserer Trainingspartner.
Du lernst, mit Frustration umzugehen.
Und irgendwann sagt dein Trainer:
„Du bist bereit.“
Der Gürtel ist dann keine Belohnung für das Wollen.
Er ist die logische Konsequenz aus dem, was du geworden bist.
Und manchmal weiß dein Trainer es vor dir
Ein guter Schüler sieht vor allem seine eigenen Fehler.
Ein guter Trainer sieht zusätzlich die Entwicklung.
Vielleicht bist du immer noch nicht perfekt.
Natürlich nicht.
Vielleicht hast du noch große Schwächen.
Natürlich hast du die.
Aber vielleicht bist du heute in der Lage, Probleme zu lösen, die du vor einem Jahr nicht einmal verstanden hast.
Vielleicht triffst du bessere Entscheidungen.
Vielleicht brauchst du weniger Anleitung.
Vielleicht verstehst du das Spiel besser.
Vielleicht bist du ein zuverlässigerer Trainingspartner.
Vielleicht kannst du dich anpassen.
Vielleicht hast du gelernt, selbstständig zu trainieren.
Das sind Dinge, die der Trainer sieht.
Und deshalb kann es passieren, dass du deinen neuen Gürtel bekommst und denkst:
„Ich bin doch noch gar nicht so gut.“
Und dein Trainer denkt:
„Genau deshalb bist du bereit.“
Der Gürtel ist außerhalb des Wettkampfs nicht das Entscheidende
Hier lohnt sich noch eine weitere Unterscheidung.
Wenn du einfach Jiu-Jitsu trainierst, ist dein Gürtel eigentlich nicht besonders wichtig.
Du brauchst keinen Purple Belt, um eine gute Guard zu haben.
Du brauchst keinen Brown Belt, um einen guten Sweep zu können.
Und du brauchst keinen Black Belt, um ein hervorragender Trainingspartner zu sein.
Der Gürtel verändert deine Fähigkeiten nicht.
Du veränderst deine Fähigkeiten.
Der Gürtel macht sie lediglich sichtbar.
Deshalb sehe ich einen Gürtel im normalen Training eher als eine Art sichtbares Zeichen für eine Entwicklung, die bereits stattgefunden hat.
Fast wie ein Geschenk.
Du hast über lange Zeit etwas aufgebaut.
Du hast trainiert.
Du bist gescheitert.
Du hast weitergemacht.
Du hast Dinge gelernt.
Und irgendwann gibt dir dein Trainer etwas, das du in die Hand nehmen und anschauen kannst.
Es ist ein Symbol dafür, dass deine Arbeit Spuren hinterlassen hat.
Aber das eigentliche Ergebnis steckt nicht im Gürtel.
Es steckt in dir.
Im Wettkampf ist der Gürtel etwas anderes
Im Wettkampf bekommt die Graduierung allerdings eine deutlich größere Bedeutung.
Dort geht es nicht nur um ein Symbol.
Die Leistungsklasse muss einigermaßen zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Athleten passen.
Das hat einen einfachen Grund:
Du sollst gegen Menschen antreten, mit denen du dich sinnvoll messen und weiterentwickeln kannst.
Wenn ein Anfänger gegen einen hochentwickelten Schwarzgurt antreten müsste, wäre das kein besonders sinnvoller Wettbewerb.
Der Anfänger würde wahrscheinlich einfach zerlegt.
Er hätte kaum Möglichkeiten, sein eigenes Spiel zu entwickeln.
Er würde nicht sinnvoll auf die nächste Stufe vorbereitet.
Deshalb gibt es unterschiedliche Leistungsklassen.
Und deshalb kann ein Trainer einen Gürtel im Wettkampfkontext auch nicht einfach nach dem Motto vergeben:
„Du hast dich so sehr angestrengt, deshalb bist du jetzt Black Belt.“
Das wäre nett gemeint, aber sportlich völlig unsinnig.
Anstrengung ist nicht dasselbe wie Leistungsniveau.
Du kannst dich unglaublich bemühen und trotzdem noch nicht die Fähigkeiten besitzen, die für die nächste Leistungsklasse notwendig sind.
Und das ist kein persönliches Versagen.
Es bedeutet nur:
Du bist noch nicht dort.
Dann ist die Aufgabe nicht, beleidigt zu sein.
Die Aufgabe ist, herauszufinden, was noch fehlt.
Leistung und Anstrengung sind zwei verschiedene Dinge
Das ist ein wichtiger Punkt, weil wir im Alltag dazu neigen, beides miteinander zu vermischen.
Wenn jemand sehr hart arbeitet, möchten wir ihm gerne dafür Anerkennung geben.
Und das ist auch richtig.
Anstrengung verdient Anerkennung.
Aber Anstrengung allein verändert nicht die Realität.
Wenn du dich zehn Stunden lang darauf konzentrierst, einen Baseball zu werfen, bedeutet das nicht automatisch, dass du danach wie ein Profi wirfst.
Wenn du zehn Stunden lang Klavier übst, bedeutet das nicht automatisch, dass du danach Konzertpianist bist.
Und wenn du zehn Stunden Jiu-Jitsu trainierst, bedeutet das nicht automatisch, dass du die Fähigkeiten eines bestimmten Gürtels besitzt.
Die Arbeit ist notwendig.
Aber die Arbeit muss irgendwann in Kompetenz übersetzt werden.
Und genau deshalb braucht ein Trainer beide Dinge im Blick:
Wie sehr arbeitet jemand?
und
Was kann jemand tatsächlich?
Genau deshalb kann ein Gürtel manchmal hart erarbeitet sein – und trotzdem noch nicht kommen
Vielleicht trainiert jemand unglaublich regelmäßig.
Vielleicht gibt er jedes Training alles.
Vielleicht ist er immer pünktlich.
Vielleicht ist er der freundlichste Mensch auf der Matte.
Vielleicht macht er alles, was sein Trainer sagt.
Und trotzdem kann es sein, dass er für den nächsten Gürtel noch nicht bereit ist.
Das ist kein Widerspruch.
Es bedeutet lediglich, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen ist.
Und genau hier zeigt sich auch eine wichtige Eigenschaft eines guten Schülers:
Er kann akzeptieren, dass sich Anstrengung nicht immer sofort in einem sichtbaren Ergebnis niederschlägt.
Er trainiert trotzdem weiter.
Denn sein Ziel ist nicht der Gürtel.
Sein Ziel ist Entwicklung.
Das Paradoxon der Graduierung
Vielleicht ist genau das die Ironie:
Je mehr du verstehst, desto weniger überzeugt bist du davon, dass du alles verstanden hast.
Ein Anfänger sieht einen Schwarzgurt und denkt:
„Der kann wahrscheinlich alles.“
Ein fortgeschrittener Schüler sieht einen Schwarzgurt und denkt:
„Der hat wahrscheinlich ein sehr gutes Spiel.“
Ein Schwarzgurt sieht andere Schwarzgurte und denkt:
„Verdammt, ich habe noch viel zu lernen.“
Und ein wirklich guter Schwarzgurt weiß:
Das Spiel ist viel größer, als ich jemals vollständig beherrschen werde.
Das ist keine Schwäche.
Das ist Demut, die aus Verständnis entsteht.
Du kannst den Gürtel nicht direkt trainieren
Das ist vielleicht die einfachste Zusammenfassung.
Du kannst nicht trainieren:
„Heute werde ich Purple Belt.“
Du kannst trainieren:
bessere Guard
bessere Escapes
bessere Kontrolle
bessere Takedowns
bessere Entscheidungen
besseres Timing
besseres Verständnis
bessere Trainingsgewohnheiten
bessere Trainingspartner
Und wenn diese Dinge zusammenkommen, entsteht irgendwann etwas, das dein Trainer als Purple-Belt-Level erkennt.
Der Gürtel folgt der Entwicklung.
Nicht umgekehrt.
Entwicklung statt Anerkennung
Genau hier liegt für mich ein wichtiger Unterschied zwischen Menschen, die langfristig im Jiu-Jitsu wachsen, und Menschen, die ständig nach der nächsten Bestätigung suchen.
Der eine fragt:
„Wann bekomme ich endlich meinen nächsten Gürtel?“
Der andere fragt:
„Was kann ich heute besser machen?“
Der eine möchte beweisen, dass er gut ist.
Der andere möchte tatsächlich gut werden.
Der eine sucht Anerkennung.
Der andere sucht Entwicklung.
Und das sind zwei völlig unterschiedliche Wege.
Also freu dich ruhig auf deinen nächsten Gürtel
Natürlich darfst du deinen nächsten Gürtel wollen.
Natürlich darfst du dich darüber freuen.
Natürlich darfst du stolz sein.
Eine Graduierung ist etwas Besonderes.
Aber mach sie nicht zum Zweck deines Trainings.
Denn dann verpasst du möglicherweise genau das, worum es eigentlich geht.
Trainiere nicht für den Gürtel.
Trainiere für die Fähigkeiten.
Trainiere für die Herausforderung.
Trainiere für die Entwicklung.
Trainiere dafür, Dinge zu können, die du gestern noch nicht konntest.
Und irgendwann bekommst du vielleicht einen Gürtel, den du gar nicht unbedingt haben wolltest.
Dann sagst du vielleicht:
„Ich dachte, ich wäre noch nicht so weit.“
Und genau dann weißt du:
Du hast aufgehört, den Gürtel zu jagen.
Du hast angefangen, dich zu entwickeln.
Und genau das war der Punkt.
Der Gürtel kommt zu dir
Du wirst nicht befördert, weil du den nächsten Gürtel unbedingt haben möchtest.
Du wirst befördert, weil du die Fähigkeiten entwickelt hast, die ihn rechtfertigen.
Deshalb sollte dein Ziel niemals sein:
„Ich will Purple Belt werden.“
Dein Ziel sollte sein:
„Ich will ein besserer Jiu-Jitsu-Spieler werden.“
Der Gürtel ist dann nur das sichtbare Ergebnis davon.
Oder noch einfacher:
Du bekommst den Gürtel nicht, weil du ihn haben willst.
Du bekommst ihn, weil du zu jemandem geworden bist, der ihn verdient.
Und vielleicht ist das der beste Zeitpunkt für eine Graduierung:
Wenn du ihn nicht mehr brauchst, um dir selbst zu beweisen, dass du besser geworden bist.
Was wir bei Joshimitsu BJJ Solothurn darunter verstehen
Bei uns geht es deshalb nicht darum, möglichst schnell den nächsten Gürtel zu bekommen.
Es geht darum, Menschen zu entwickeln, die lernen, Verantwortung für ihre eigene Entwicklung zu übernehmen.
Menschen, die regelmäßig auftauchen.
Die zuhören.
Die Korrekturen annehmen.
Die bereit sind, Dinge zu tun, in denen sie schlecht sind.
Die nicht ständig nach Bestätigung suchen.
Die ihren Trainingspartner respektieren.
Und die verstehen, dass Fortschritt nicht dadurch entsteht, dass man sich für gut hält, sondern dadurch, dass man bereit ist, besser zu werden.
Der Gürtel ist irgendwann ein schönes Zeichen dafür.
Aber er ist nicht der Grund, warum wir trainieren.
Wir trainieren, weil wir wissen wollen, wer wir werden können, wenn wir aufhören, schwierigen Dingen auszuweichen.
Bereit, deinen eigenen Weg zu beginnen?
Und wenns hart auf hart kommt kann man ja immer noch einen Gürtel bei Amazon bestellen für 30 CHF :)

