Understanding the Referee: Wie IBJJF-Referees wirklich entscheiden
In Turnieren nach dem Regelwerk der International Brazilian Jiu-Jitsu Federation (IBJJF) steht der Referee – also der Kampfrichter – im Zentrum jedes Matches. Er ist nicht nur derjenige, der Punkte, Advantages und Penalties vergibt, sondern auch die oberste Instanz, wenn es um Sicherheit, Fairness und Regelklarheit geht.
Gerade für Einsteiger und Coaches ist es entscheidend zu verstehen, wie die Entscheidungsstrukturen im Regelwerk aufgebaut sind und welche Autorität der Referee tatsächlich besitzt. Die folgenden Abschnitte erklären die drei zentralen Kapitel: Authority of Referee, Refereeing Format und Referee Duties – also die Autorität, die Entscheidungsmechanismen und die Pflichten eines IBJJF-Referees.
1. Authority of Referee (Autorität des Referees)
Das IBJJF-Regelwerk beginnt mit einem klaren Grundsatz:
The referee is the highest authority in a match.
Damit ist gemeint, dass alle Entscheidungen – von der Punktevergabe bis zur Disqualifikation – in der Hand des Referees liegen. Seine Entscheidungen über das Ergebnis eines Matches gelten als endgültig.
Wann ein Ergebnis geändert werden darf
Das Regelwerk lässt nur drei konkrete Ausnahmen zu, in denen eine Entscheidung nachträglich korrigiert werden darf:
Fehlablesung der Punktetafel:
Wenn der Referee oder das Kampfgericht den Punktestand auf der Anzeigetafel falsch abgelesen hat.Illegaler Submission Hold:
Wenn der zum Sieger erklärte Athlet den Gegner zuvor mit einem illegal hold (unerlaubtem Griff) zur Aufgabe gezwungen hat, den der Referee im Moment des Geschehens nicht bemerkt hat.Fehlerhafte Disqualifikation:
Wenn ein Athlet fälschlicherweise für eine erlaubte Technik disqualifiziert wurde.
Im letzten Fall ist das Vorgehen genau geregelt:
Wenn der Kampf unterbrochen und der Athlet disqualifiziert wurde, bevor der Gegner getappt hat, wird der Kampf neu gestartet, und der Athlet, der den Griff angesetzt hatte, erhält zwei Punkte.
Wenn der Gegner bereits getappt hat, bevor der Referee den Griff unterbrochen hat, wird der Angreifer direkt zum Sieger erklärt.
Das Regelwerk betont ausdrücklich:
Subjective interpretations of the referee on the awarding of points, advantages or penalties are final and not subject to change.
Das bedeutet: Punkte, Vorteile und Strafen, die auf der subjektiven Einschätzung des Referees beruhen, sind nicht anfechtbar. Weder Coach noch Athlet können verlangen, dass sie nachträglich überprüft oder geändert werden.
Wer eine Entscheidung aufheben darf
Sollte dennoch eine Überprüfung notwendig sein, gilt:
Der Referee kann sich mit dem Director of Refereeing (dem leitenden Referee des Turniers) beraten,
aber die endgültige Entscheidung bleibt beim Referee selbst.Eine Aufhebung des Ergebnisses ist nur möglich, solange das Bracket nicht fortgeschritten ist.
Sobald die nächste Runde begonnen hat oder Preise vergeben wurden, bleibt das Ergebnis bestehen, auch wenn ein Fehler festgestellt wird.
Dieser Abschnitt unterstreicht: Im IBJJF-System ist der Referee nicht nur Regelhüter, sondern auch derjenige, der – im Zweifel – die letzte Entscheidung trifft.
2. Refereeing Format (Format der Kampfrichter)
Bei vielen Turnieren steht nur ein Referee auf der Matte. Das Regelwerk erlaubt den Veranstaltern jedoch, bis zu drei Referees pro Match einzusetzen, wenn sie das für notwendig halten. Dieses Format wird vor allem bei Finals oder hochkarätigen Kämpfen verwendet.
Zusammensetzung
Ein Central Referee (Hauptreferee) steht auf der Matte.
Zwei Corner Referees (Ecken-Referees) sitzen an gegenüberliegenden Ecken der Kampfzone.
Alle drei haben gleiche Befugnisse bei der Punktevergabe.
Ein Punkt, ein Vorteil oder eine Strafe wird nur dann gültig, wenn mindestens zwei der drei Referees übereinstimmen.
Abweichende Meinungen
Wenn alle drei Referees unterschiedlicher Meinung sind, gilt die mittlere Entscheidung.
Beispiel:
Ein Referee gibt einen Guard Pass (3 Punkte), der zweite nur einen Advantage, der dritte will Punkte abziehen – dann wird der Advantage eingetragen.
Wenn der Hauptreferee eine Disqualifikation wegen vier kumulierter Strafen (z. B. serious foul oder lack of combativeness) oder wegen eines severe foul (schweres Foul) aussprechen will, muss mindestens einer der Corner Referees sein Signal bestätigen, bevor der Kampf beendet wird.
Entscheidung bei Gleichstand
Wenn ein Match ohne Punkte, Vorteile oder Strafen endet – also ein draw –, müssen die Referees eine Entscheidung treffen:
Die Kämpfer werden in Startposition gebracht (einer rechts, einer links).
Der Central Referee tritt zurück, die Corner Referees stehen auf.
Auf ein gemeinsames Signal heben alle drei Referees gleichzeitig entweder die rechte oder linke Hand – jeweils für den Athleten, den sie als Sieger sehen.
Die Mehrheit entscheidet.
Video Review Referees
Bei wichtigen Turnieren kann die IBJJF zusätzlich zwei Referees mit Video-Zugang einsetzen, um Punkte, Advantages oder Strafen zu überprüfen und zu korrigieren.
Eine Korrektur durch die Video-Referees erfolgt nur bei vollständiger Übereinstimmung zwischen beiden.
Die Entscheidung dieser beiden Referees ist endgültig; der Central Referee und die Corner Referees dürfen sie nicht anfechten.
Coaches haben die Möglichkeit, durch eine Geste (Tippen ans Ohr) den Einsatz der Video-Referees anzufordern. Ob der Central Referee dieser Aufforderung folgt, liegt in seiner Entscheidung.
3. Referee Duties (Pflichten des Referees)
Die Referee Duties sind der umfangreichste Teil des Regelwerks. Sie beschreiben, was der Referee vor, während und nach dem Kampf zu tun hat.
Vor dem Match
Der Referee ruft die Athleten in die Kampffläche und überprüft:
Gi- und Gürtelvorschriften
Hygiene
generelle Wettkampfbereitschaft
Wenn ein Athlet eine Regelvorgabe nicht erfüllt, entscheidet der Referee, ob und wie der Mangel kurzfristig behoben werden kann.
Er positioniert die Athleten in der Mitte der Matte.
Vor dem Match – Gi- und Gürtelkontrolle
Bevor ein Athlet überhaupt die Matte erreicht, durchläuft er beim IBJJF-Turnier einen Gi-Check:
Ein speziell geschulter Mitarbeiter überprüft Gi und Gürtel mit einem Messinstrument (oft ein einfaches Kunststoff-Lineal oder -Werkzeug), um Länge, Sauberkeit, Zustand und korrekte Gürtelbindung zu kontrollieren.
Erst nach diesem Check darf der Athlet zur Waage und danach in den Bullpen, von wo aus er zu seiner Matte gerufen wird.
Der Referee auf der Matte hat die Möglichkeit, Gi oder Gürtel nochmals zu überprüfen, tut dies aber in der Praxis fast nie.
Ein Eingreifen durch den Referee erfolgt nur bei offensichtlichen Problemen, die beim Gi-Check übersehen wurden – z. B. Risse, grober Schmutz oder andere Unregelmäßigkeiten.
In diesem Fall kann der Referee den Athleten auffordern, den Gi zu wechseln, und eine erneute Kontrolle durchführen.
Farbcodierung
Der Referee trägt ein grün-gelbes Armband am rechten Arm.
Punkte, die mit dem rechten Arm signalisiert werden, zählen für den Athleten auf der grün-gelben Seite der Tafel.
Punkte mit dem linken Arm zählen für die andere Seite.
Gi-Farben und Positionierung
Die Positionierung folgt einer festen Reihenfolge:
Wenn beide denselben Gi-Farbton tragen → der zuerst aufgerufene Athlet steht rechts und bekommt zusätzlich einen grün-gelben Gürtel.
Weiß vs. Blau → Blau steht rechts.
Blau vs. Schwarz → Blau steht rechts.
Weiß vs. Schwarz → Schwarz steht rechts.
Start und Intervention
Der Referee gibt das Startsignal und greift nur ein, wenn es nötig ist – etwa bei Regelverstößen, Sicherheitsrisiken oder wenn die Kämpfer die Kampfzone verlassen.
Wenn der Kampf gestoppt wird, müssen die Athleten ihre aktuelle Position beibehalten, damit sie korrekt wieder angesetzt werden kann.
Verhalten in der Kampfzone
Der Referee sorgt dafür, dass die Kämpfer im Combat Area bleiben.
Das Regelwerk definiert mehrere Szenarien:
Stabile Position außerhalb der Zone:
Wenn zwei Drittel beider Körper außerhalb sind und die Position stabil ist, wird der Kampf gestoppt und in derselben Position in der Mitte wieder aufgenommen.Nicht stabil oder im Stand:
Wenn die Kämpfer im Stand oder in einer Bewegung sind, wird unterbrochen und der Kampf stehend in der Mitte neu gestartet.Submission außerhalb der Zone:
Wenn ein Submission Hold aktiv ist, darf der Referee nicht unterbrechen – die Aktion zählt weiter.Verteidigung führt zum Rausgehen:
Wenn der Verteidiger durch Abwehrbewegung nach außen geht, wird der Kampf neu gestartet und der Angreifer bekommt 2 Punkte.Angreifer verlässt Zone bei Submission:
Wenn der Angreifer selbst in der Bewegung nach außen gerät, gibt es keine Punkte, eventuell aber einen Advantage, je nach Nähe zur Submission.Takedown oder Stabilisierung an der Grenze:
Wenn der Angreifer in der Sicherheitszone (safety area) stabilisiert, darf der Referee warten, bis drei Sekunden Stabilität erreicht sind, um Punkte zu vergeben – erst dann wird neu gestartet.Bewegungen außerhalb der Sicherheitszone zählen nicht mehr.
Für Kinder (unter 12 Jahren) gilt eine zusätzliche Pflicht:
Wenn ein Kind in geschlossener Guard oder Triangle-Position angehoben wird, muss der Referee hinter dem Kind positioniert sein, um die Wirbelsäule zu schützen.
Strafen und Disqualifikationen
Der Referee ist verantwortlich für alle Penalties, Advantages und Disqualifikationen.
Er muss jede Entscheidung sichtbar signalisieren.
Besondere Situationen:
Wenn ein Athlet durch eine unabsichtliche Bewegung eine verbotene Position verursacht (unintentional movement that puts the opponent in a penalizable position), wird der Kampf gestoppt, die Athleten in Ausgangsstellung gebracht und der Verursacher bestraft.
Single-Leg mit Kopf außen (head outside single leg):
Für Jugendliche und Weißgurte: Kampf stoppen, neu starten, keine Strafe.
Für höhere Gürtel: Kampf läuft weiter.
Sicherheits- und Gesundheitsverantwortung
Der Referee ist verpflichtet, bei jeder Verletzung oder jedem Verdacht sofort das medizinische Personal zu rufen.
Er trägt die Verantwortung, dass der Athlet geschützt wird, selbst wenn dies den Ausgang des Matches beeinflusst.
Fazit: Warum das Verständnis dieser Regeln wichtig ist
Viele Kämpfer sehen den Referee nur als jemanden, der Punkte zeigt. In Wahrheit trägt er die gesamte Struktur des Matches.
Die Authority of Referee legt fest, dass seine Entscheidungen die Grundlage für Fairness und Sicherheit bilden.
Das Refereeing Format zeigt, wie mehrere Referees zusammenarbeiten, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Und die Referee Duties machen deutlich, dass ein Referee weit mehr Verantwortung trägt, als Punkte zu vergeben – er entscheidet über den Ablauf, die Wiederaufnahme von Positionen, Disqualifikationen und den Schutz der Athleten.
Für Coaches und Anfänger ist es deshalb entscheidend, diese Abläufe zu kennen. Wer versteht, wie der Referee denkt, kann Situationen besser einschätzen: wann ein Restart erfolgt, wann Punkte zählen etc.
Am Ende gilt:
Ein Match wird nicht nur durch Technik entschieden, sondern auch durch das Verständnis des Systems, in dem man kämpft.
Der Referee ist kein Gegner, sondern derjenige, der die Linie zieht – zwischen Kontrolle und Chaos, zwischen Sieg und Regelbruch.
(Dieser Artikel fasst die IBJJF-Regelabschnitte „Authority of Referee“, „Refereeing Format“ und „Referee Duties“ in verständlicher Sprache zusammen. Grundlage ist die offizielle englische Regelversion des IBJJF Rule Book.)

